Foto: Richard Renaldi

Wie wir mit Fremden umgehen, sagt viel über unsere Werte aus“

Richard Renaldi im Gespräch mit Christopher Resch

Zwei Fremde, die sich berühren und für ein Foto posieren. So simpel ist die Grundidee von Touching Strangers“, einem Langzeitprojekt des US-Fotografen Richard Renaldi. Doch im Auge des Betrachters entsteht sofort mehr: Wie überwinden wir Grenzen, was bedeutet Intimität? Wie verändert sich das Miteinander in einer nicht erst seit Donald Trump so aufgeladenen Gesellschaft wie der amerikanischen?

Herr Renaldi, in Ihrem Langzeitprojekt Touching Strangers“ zeigen Sie Menschen, die sich vollkommen fremd sind, in großer, fast intimer Nähe. Vielen muss das unangenehm gewesen sein. Warum haben sie trotzdem mitgemacht?

Ich war sehr direkt: Ich habe die Leute einfach gefragt, ihnen erzählt, dass mich die Beziehungen fremder Menschen interessieren – und dass sie sich für das Porträt berühren müssten. Überraschenderweise haben viele gleich gesagt, okay, los geht’s, was soll ich tun? Anderen habe ich auf meinem Smartphone Bilder gezeigt, damit sie wissen, was ich vorhabe. Ich habe natürlich auch viel erklärt. So hat sich langsam Vertrauen gebildet.

Was möchten Sie mit Touching Strangers“ zeigen?

Die Idee hat sich entwickelt, als ich nach der 9/​11-​Katastrophe Wartende an den Stationen der Greyhound-Überlandbusse in den USA fotografiert habe. Damals sind viele Menschen nicht mehr so gern ins Flugzeug gestiegen, sondern haben den Bus genommen. Mich haben die Dynamiken in solchen Gruppen interessiert, die Intimität, wie Fremde im öffentlichen, aber beengten Raum miteinander interagieren. Ich mag die Komplexität und zugleich auch die große Einfachheit des Projekts: Wie wir mit Fremden umgehen, sagt viel über unsere Werte aus. Ein großer Teil meiner Arbeit ist humanistisch, ich finde Menschen interessant und faszinierend. Und ich glaube, dass wir alle miteinander in Verbindung stehen. 

Hätten Ihre Fotos auch in anderen Ländern und Kulturen funktioniert, oder sollen sie vor allem die Vielfalt der Vereinigten Staaten zeigen?

Darum ging es natürlich auch, um eine Art Katalogisierung, stark beeinflusst übrigens von dem deutschen Fotografen August Sander und seiner unglaublichen Porträtserie Menschen des 20. Jahrhunderts“. Nachdem ich eine Weile an Touching Strangers“ gearbeitet hatte, habe ich angefangen, gezielt passende Paare zu suchen. Also solche, die für mich zusammengehörten, bei denen die Symmetrie stimmte, aber genauso auch Paare, bei denen Spannungen spürbar oder zu erwarten waren. Viele Menschen haben mich gefragt, ob ich auch in Europa oder Japan fotografieren würde, weil die Menschen dort ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper hätten als hier. Aber mir ging es um die USA: Das Spannende hier sind eben die vielen Schattierungen, hier gibt es Leute von überall her. Wir in den Staaten beurteilen Menschen gerne nach ihrem Äußeren, interessieren uns für das, was nach außen getragen wird. Es gibt auch in Touching Strangers“ dieses sehr oberflächliche Element, aber gleichzeitig will ich tiefer gehen und hinter diese Oberfläche schauen. 

Das Miteinander in den USA

Sie haben das Projekt 2007 begonnen. Wie hat sich die Gesellschaft seitdem verändert?

Vor zehn Jahren stand selbst die Obama-Ära gerade erst am Anfang. Die Idee der Gemeinschaft hat sich seitdem definitiv verändert. Momentan dreht sich meiner Meinung nach vieles nicht mehr um ein wirkliches Miteinander. Im Gegenteil, manches klingt nach Bürgerkrieg. Rechte, Zuwanderungsgegner und Nationalisten haben die republikanische Partei übernommen. Das geht schon seit ein paar Jahren so. Nach Trumps Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten habe ich eine Zeit lang sogar das ganze Konzept von Gemeinschaft und Miteinander in Frage gestellt.

Nun haben Sie Bilder geschossen, in denen man das Miteinander und die Nähe fast körperlich spüren kann.

Wer die Bilder betrachtet, projiziert sich selbst in sie. Ich habe viele Rückmeldungen von religiösen Menschen bekommen, genauso von Frauen. Vielleicht war da ein gewisser Wunsch nach oder eine Anziehungskraft hin zur Idee der Intimität. Wieder andere fanden die Bilder gruselig. Es liegt im Betrachtenden.

Wie war insgesamt die Resonanz auf Ihre Bilder?

Wir haben Touching Strangers“ schon 2014 in Buchform veröffentlicht. Anfang Oktober 2017 wurde es gemeinsam mit der Aperture Foundation“ in einer Taschenbuchversion nachgedruckt, die erste Auflage war ausverkauft. 

Was haben Sie persönlich aus dem Projekt gewonnen?
Am aufschlussreichsten war für mich, wie sehr sich vollkommen fremde Menschen geöffnet haben, wie sie es zuließen, mit mir zusammenzuarbeiten. Das hat mir, meinen Ideen und meiner Arbeit viel gegeben. Das war wirklich wunderbar und ich glaube, die Erfahrung hat mich zu einem besseren Fotografen gemacht. Ich bin jetzt viel sicherer, wenn ich für ein Porträt auf jemanden zugehe.

Haben Sie mit manchen der Porträtierten noch Kontakt?
Nicht direkt. Einige kamen zu Ausstellungseröffnungen, aber ich habe im Alltag mit niemandem von ihnen zu tun. Ich war auch nicht wirklich ein Verkuppler – Einladungen zu Hochzeiten gab es jedenfalls noch nicht.

Alle Fotos © Richard Renaldi

Porträtierte Personen: Janaki und Dominic | Shalom und Jeff | Emma und Charisse | Aaron und Ava | Jeromy und Matthew | Jimmy und Matt | Mirelle und Felicia | Julie und Xavier | Jesse und Michael

Foto: Elinor Carucci

Richard Renaldi wurde 1968 in Chicago geboren. Seinen Bachelor in Fotografie erhielt er 1990 von der New York University”. Renaldi wird von der Benrubi Gallery” in New York und der Robert Morat Galerie” in Berlin vertreten. Seine Fotoarbeiten wurden in mehreren Monographien veröffentlicht. 2015 erhielt er ein Stipendium der John Simon Guggenheim Memorial Foundation”.

Christopher Resch ist freier Journalist und lebt in Leipzig.