Wenn die Pilger kommen

Zu Besuch im französischen Saintes-Maries-de-la-Mer

Eine Reportage von Michael Neubauer und George Popescu


Sie strecken Kerzen in die Höhe, bestaunen den Reliquienschrein, halten Andacht bis in die Nacht und tragen ehrfürchtig Heiligenstatuen ins Meer. Dreimal im Jahr feiert das 2500-Einwohner-Dorf Saintes-Maries-de-la-Mer seine Heiligen.

Der Ort in der südfranzösischen Camargue ist berühmt für seine Wallfahrten. Vor allem die Wallfahrt im Mai sorgt für Aufsehen, weil dann Tausende Sinti und Roma aus ganz Europa ihrer Schutzpatronin Sara huldigen, zu Flamenco-Musik feiern und Touristen und Medien aus aller Welt der Prozession beiwohnen. Im Oktober dagegen geht es viel familiärer und lokaler zu. Dann stehen die beiden Marien im Mittelpunkt. Trotz mancher Kritik der Einheimischen am Pilger-Spektakel im Mai sind die Saintois stolz auf diese Tradition – und auf die Freundschaften zwischen fahrenden Leuten und Einheimischen.


Einer Überlieferung nach flohen die beiden Jüngerinnen und Apostelmütter Maria Salome von Galiläa und Maria Kleophae (die Franzosen nennen sie Marie Salomé und Marie Jacobé) während der Christenverfolgung aus dem Heiligen Land. Sie wurden 45 n. Ch. in einem Boot ohne Segel und Ruder auf dem Mittelmeer ausgesetzt und strandeten an der Küste von Saintes-Maries. Die Marien missionierten von dort die Camargue. Den heutigen Namen „Les Saintes-Maries-de-la-Mer“ hat der Ort seit 1848.

Im Boot saßen neben Maria Magdalena (die nach der Ankunft weiter zog) auch die vermutlich dunkelhäutige Sara-la-Kâli. Sie wird auch „Schwarze Sara“ oder „Sara, die Dienerin“ genannt. Sie soll aus Ägypten stammen – deswegen identifizieren sich viele Sinti und Roma mit ihr. Sara soll sich um das Wohl und den Unterhalt der drei Marien gekümmert haben.


Während im Mai laut Office du Tourisme manchmal bis zu 25000 Pilger und Touristen zur Wallfahrt kommen – darunter 5000 bis 7000 Sinti und Roma, sind es im Oktober oft weit unter 10000 Besucher, im Dezember nur einige Hundert.

In der Kirche

Jean-Rémy Falciola stammt aus Lyon, seine Familie hat italienische Wurzeln. Der 70-Jährige ist Priester der Pfarrei des Ortes. Eine Pfarrei mit einem solchen Heiligtum kennt Extreme: Sitzen an einem Sonntag im Winter gerade mal 20 Gläubige in seinem Gottesdienst, platzt seine Kirche gerade bei der Mai-Wallfahrt aus allen Nähten. Dann kommen die Gens de Voyage, wie die Franzosen sagen: das fahrende Volk. „Das ist ein sehr oberflächlicher Begriff, denn das sind sehr unterschiedliche Gruppen wie Sinti, Roma, Jenische, Manouches und andere Menschen ohne festen Wohnsitz wie Schausteller, Zirkusleute und Jahrmarkthändler“, sagt Falciola.


Was die Unterscheide zwischen den Wallfahrten sind? „Der Ablauf der Wallfahrten ist nahezu gleich“, erklärt der Pater. „Die zwei Marien und Sara waren ja eng miteinander verbunden. Die Unterschiede bei den Wallfahrten liegen vielmehr bei den Besuchern: Im Mai gibt es zwei Prozessionen, am Samstag mit Sara, am Sonntag mit den Heiligen Marien. Es sind einfach viel mehr Menschen hier, vor allem die Fahrenden, die Gitans, die wegen ihrer Schutzpatronin Sara kommen. Und die vielen Touristen, die weniger an der Wallfahrt interessiert sind als am Zigeunerleben und der lebendigen Art, wie diese zum Beispiel Taufen zelebrieren.“, sagt Jean-Rémy Falciola.


Der Kult um die nicht offiziell heiliggesprochene Sara reicht zwar zurück bis ins 15. Jahrhundert, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg stellt die „Zigeunerwallfahrt“ die lokale Mai-Marienwallfahrt in den Schatten. Wegbereiter dafür war der Marquis Folco de Baroncelli. 1869 in Aix geboren, setzte er sich leidenschaftlich für das provenzalische Brauchtum und die Zigeuner ein. Der Marquis kämpfte dafür, dass die Wallfahrt zur Schwarzen Sara von der Kirche 1935 anerkannt wurde. Viele Einheimische und Roma feiern gemeinsam am 26. Mai sein Gedenken.


„Für die 2500 Einwohner von Saintes-Maries ist es im Mai natürlich eine enorme Herausforderung, das Zehnfache an Besuchern zu empfangen. Der Ort ist in einer Art Ausnahmezustand. Manchmal dämpft heute ein Misstrauen gegenüber den Sinti und Roma die Begeisterung und schadet der Gemeinsamkeit. Manche Saintois meiden auch wegen der Menschenmassen die Wallfahrt im Mai und warten bis Oktober.“


Die Wallfahrt im Oktober dreht sich nur um die beiden Marien, erklärt der Pater. „Sie ist lokaler, regionaler, also für die Leute aus Saintes-Maries, die Pilger aus der Provence und dem Languedoc-Roussillon. Aber auch hier nehmen Sinti und Roma teil. Anfang Dezember feiern wir das Auffinden der Gebeine der Heiligen, da fühlen sich die Saintois besonders angesprochen, die Wallfahrt ist noch lokaler.“


„Früher in den 1960er und 70er Jahren, als es noch nicht wie heute speziell ausgewiesene Parkplätze am Rande des Ortes gab, waren die Begegnungen zwischen den Fahrenden und der lokalen Bevölkerung intensiver. Da teilten die Saintois ihre Straßen, ihr Land oder den Garten noch mit den Pilgern.

Dennoch gibt es viele Begegnungen: Die fahrenden Leute kommen ja schon zehn Tage vorher, richten sich mit ihren Wohnwagen ein, feiern Andachten in der Kirche, zu denen die Einheimischen kommen. Viele ihrer Familien nehmen seit Jahrzehnten bei der Wallfahrt teil, da sind Freundschaften entstanden.“

Von der Kirche ans Meer

Die Wallfahrt im Oktober beginnt in der Kirche von Saintes-Maries. In einer Kapelle im oberen Teil der Wehrkirche Notre-Dame-de-la-Mer befinden sich die Reliquien der beiden heiligen Marien. Die Männer der Confrérie lassen sie in einer Holzkiste mit Hilfe einer Winde an Schiffsseilen auf den Altar herab. Dabei binden sie Blumensträuße an die Seile.

Vor allem im Mai drängen Sinti und Roma in die Krpyta der Kirche zu den Reliquien und zur Holzstatue ihrer dunkelhäutigen Schutzpatronin Sara. Sie berühren sie, küssen sie, zünden Kerzen an und hängen ihr bunte, mit Pailletten verzierte Umhänge um.


Nach den Gottesdiensten und Abendandachten folgen die Prozessionen durch den Ort ans Meer. Im Mai tragen Sinti und Roma die Holzstatue der heiligen Sara durch die Gassen ans Meer, am Tag darauf tragen sie die Heiligen Marien Salome und Kleophae. Im Oktober und Dezember gibt es die Prozessionen nur mit den Marienfiguren.


Thierry Pellegrin ist ein alteingesessener „Saintois“: Seit sieben Generationen lebt seine Familie in Saintes-Maries-de-la-Mer in der Camargue. Der 56-Jährige ist Dresseur und Regisseur. In seinem Théâtre équestre mit dem Namen „Camarkas“ inszeniert er Jahr für Jahr Pferdeshows mit Flamenco-Musik, Gesang, Tanz und den für die Camargue typischen Pferden.


In Pellegrins Theater kommen sowohl Einheimische als auch Touristen. Die Aufführungen tragen Namen wie „Die Nacht der Zigeuner“ oder „Sara“. Dabei spielen die „gitans“ eine wichtige Rolle, die Zigeuner: In Frankreich benutzt man diesen Begriff noch. Am Rande der Arena stehen Zigeunerwagen und Figuren, welche die Heiligen Marien und die Schwarze Sara darstellen.


„Ich habe viel Kontakt zu Musikern der Gitans. Ihre Musik ist die typische Musik der Camargue. Ich mag sie, sie ist Teil meines Lebens. Man kennt hier die Musiker und ihre Familien. Ich habe als Kind José Reyes von den Gipsy Kings in den Cafés spielen gehört – auch die anderen seiner Familie. Das hat meine Kindheit geprägt. Als ich mit dem Théâtre équestre angefangen habe, war klar, dass es genau diese Musik ist, die den Tanz und die Bewegung der Pferde begleiten sollte.“

Am Meer

Thierry Pellegrin ist verantwortlich für die Konzeption der „Evocation“, der Darstellung der Ankunft der Heiligen in Saintes-Maries-de-la-Mer. Über seinen Einsatz für die Wallfahrt sagt er: „Man muss sich klar machen, dass sie uns Gottes Wort brachten. Sie evangelisierten die hiesigen heidnischen Stämme und letztlich Teile Europas. Die Evocation findet nur bei der Oktoberwallfahrt statt. Es ist wichtig, den Menschen die Geschichte unserer Heiligen zu erzählen, viele kennen sie nicht. In den ersten Jahren haben wir eine alte Barke übers Wasser kommen lassen mit den neun Personen, die Heiligen darstellen. Doch häufig war das Wetter schlecht, das Boot kenterte. Jetzt spielen wir nur am Strand.“


„Ich glaube an die Heiligen und nehme jedes Jahr an der Wallfahrt im Mai und im Oktober statt.“ sagt Thierry Pellegrin. „Der Moment, der mich am meisten bewegt ist, wenn die Heiligen bei der Prozession am Meer ankommen und die Träger mit den Holzstatuen auf den Schultern im Wasser waten. Warum sind sie gerade hier bei uns angekommen?“


Bei der Prozession segnet der Bischof von einem traditionellen Fischerboot aus das Meer, das Land, die Pilger, die Sinti und Roma. Die Gardians, die für die Camargue typischen reitenden Hirten, treiben ihre weißen Pferde ins Meer. Und die Arlésiennes, das sind Frauen in den traditionellen provenzalischen Kostümen, begleiten mit Hunderten von Pilgern und Touristen die Prozession.

Zu Besuch im Souvenirladen

Sara-Statuen, Plüschflamingos, Jesusfiguren: All das gibt es nur wenige Meter entfernt vom Hauptportal der Kirche Notre-Dame-de-la-Mer. „Le Clocher“, der Kirchturm, so heißt der Souvenirladen von Pierre Damien Drapier und seiner Frau Cécile. Während auf dem Platz davor Frauen den Touristen anbieten, aus deren Hand die Zukunft zu lesen, machen die Drapiers während der Wallfahrtswochenenden ein gutes Geschäft.


„Die Statue der heiligen Sara verkauft sich am meisten. Viele fahrende Leute bestellen sie im Internet oder kommen ins Geschäft. Manchmal haben wir sie auch in einer Größe von 1,60 Metern, solche großen Figuren kosten bis zu 300 Euro. Sie müssen dem Wetter trotzen, weil sie oft Gräber schmücken. Die zwei Heiligen Marien Salomé und Jacobé dagegen werden kaum verlangt, momentan habe ich sie nur als Schneekugel da.“

Drapier ist in Nordfrankreich geboren, seit 13 Jahren lebt er am Mittelmeer. In seinem Laden kaufen auch sehr viele fahrende Leute ein. Einige seiner Kunden sind inzwischen gute Freunde geworden, mit denen er gesellige Abende verbringt, wenn sie zu den Wallfahrten wiederkehren.


Wie er die Begegnung zwischen den „gitans“ und den Einheimischen wahrnimmt? „Die Leute in Saintes Maries schätzen es, ihre Bräuche zu pflegen. Wir leben in einer Welt, die sich so schnell ändert. Da tut es einfach gut, Dinge zu bewahren, die uns an Vergangenes erinnern. Schon unsere Eltern und Großeltern haben an der Wallfahrt teilgenommen.“


„Es gibt Ängste auf Seiten der Ansässigen gegenüber dem fahrenden Volk. Ihre Lebensart und ihre Bräuche sind anders, aber das ist doch etwas Schönes. Im Mai schließen zahlreiche Geschäfte aus Furcht vor Diebstählen. Ich selbst habe in meinem Laden aber im Monat Mai viel weniger Diebstähle als etwa im Juli oder August. Ich glaube, diese Ängste entstehen aus Vorurteilen vor dem Fremden. Das ist leider typisch für unsere Zeit.“

Eine Reportage von Michael Neubauer und George Popescu

Die Reportage wurde für das Online-Magazin „Kulturen des Wir“ realisiert.

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Konzeption: Michael Neubauer, George Popescu und Jennifer Endro
Texte und Audios: Michael Neubauer
Fotos und Videos: George Popescu
Redaktion: Jennifer Endro
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