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Unser Handeln ist nie altruistisch und selbstlos“

Nikita Dhawan im Gespräch mit Christopher Resch

Mitleid mit dem Anderen hat viel mit uns selbst zu tun, wirklich selbstlose Hilfe ist kaum möglich. Doch was folgt daraus angesichts vieler Kriege, Krisen und anhaltender weltweiter Migrationsbewegungen? Vor dem Hintergrund des erstarkenden Rechtspopulismus plädiert die Politikwissenschaftlerin Nikita Dhawan für einen differenzierten Umgang – und für eine andere Politik des Dialogs.

Frau Dhawan, ist wirkliches Mit-Leiden“ überhaupt möglich? Und: Ist es sinnvoll?

Sich mit Anderen identifizieren zu können, ist ein wichtiger Aspekt der Ethik. Der Kategorische Imperativ, dass ich dem anderen nichts antue, was ich nicht selber möchte, ist die Basis vieler philosophischer Theorien. Wir haben eine Verantwortung für andere Menschen und müssen umgekehrt auch Solidarität erwarten können. In unserer interdependenten Welt gibt es eine gemeinsame Verletzlichkeit: Wir alle können Opfer von ökologischen oder ökonomischen Krisen werden. Das Leid in einem anderen Teil der Welt betrifft auch uns. Deshalb kann man nicht sagen, dass man nur für sich selbst, die eigene Familie, die eigene Gemeinschaft verantwortlich ist. Natürlich gibt es Leute, die genau das tun, Trump, die Rechtspopulisten – sie sagen, dass unsere Verantwortung an der Grenze endet. 

Mitleid braucht einen Gegenpart, auf den es sich ausrichtet. Wie gehen wir damit um, wenn sich dieser verändert, unsympathisch wird?

Kant betont, dass jeder, der zu mir kommt, meine Gastfreundschaft verdient hat. Wenn er sich aber daneben benimmt, kann ich sie ihm verweigern. Das hat Jacques Derrida kritisiert: Ethik kann nur funktionieren, wenn sie bedingungslos ist. Ein Beispiel ist das, was vor zwei Jahren nach Silvester in Köln mit der deutschen Willkommenskultur passiert ist: Es war spannend zu sehen, wie unbeständig sie war. Alle männlichen Flüchtlinge wurden als Vergewaltiger stigmatisiert, und plötzlich haben sich noch die konservativsten Politiker als Feministen stilisiert. Hier wurde die Ethik für politischen Opportunismus instrumentalisiert.

Die Gefühlslage in der Gesellschaft war aufgewühlt. Welche Reaktionen fanden Sie angemessen?

Ich halte es generell für sehr wichtig, selbstkritisch und selbstreflexiv zu sein. Damals wurde von Feministinnen eine Demo organisiert, auf der sowohl der Antifeminismus als auch der Rassismus kritisiert wurde. Hier wurde konkret versucht, differenziert und nuanciert zu handeln und sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Man kann ja nicht einfach die Genfer Flüchtlingskonvention aus dem Fenster werfen.

Die Unmöglichkeit von Solidarität

Leid scheint weltweit omnipräsent zu sein. Was machen wir als Beobachter mit diesem Wissen, und was macht es mit uns?

Ich sehe vor allem zwei Herausforderungen. Zum einen die Gleichgültigkeit: Ich kann noch so viel unternehmen und werde trotzdem nicht allen helfen können – also helfe ich keinem. Oder: Wenn ich Geld spende, woher weiß ich, dass es beim Richtigen ankommt? Die andere Seite ist die Romantisierung: Wir stilisieren uns als die Retter der Welt. Dabei bieten wir nicht nur Lösungen, sondern wir sind für viele globale Probleme ja selbst verantwortlich. Hier kommen wir zurück zum Mitleid: Die feministische Wissenschaftlerin Malathi de Alwis fragt, ob es uns überhaupt gestattet sein sollte, den Schmerz der Leidenden nachzuempfinden, wenn er nur der Bestätigung unserer selbst dient. Unsere Ethik ist parasitär, wenn sie sich auf dem Leid anderer Menschen gründet. Allerdings: Wenn mir das zum Vorwurf gemacht wird, tue ich am Ende gar nichts. Die Psychologie nennt das einen double bind: Wenn ich handle, ist es problematisch, wenn nicht, dann auch.

Kann Mitleid demnach gar kein ehrliches Gefühl sein?

Unser Handeln ist nie altruistisch und selbstlos. Es ist nicht so, dass wir den anderen immer einen Gefallen tun – wir profitieren immer auch von unseren Handlungen.

Mitleid und Mitgefühl haben also sehr viel mit mir selbst zu tun?

Die Unmöglichkeit von Solidarität ist immer wieder ein Thema. Es besteht immer die Gefahr, dass unsere individuellen oder kollektiven Anstrengungen, solidarisch mit Opfern oder verletzlichen Gruppen zu sein, nur unsere eigene Handlungsmacht bestätigen. Dass wir uns immer wieder selbst zelebrieren als ethisch handelnde Personen. Ich glaube, dass wir diesen Konflikt nicht vollständig überwinden können, aber wir müssen zumindest selbstreflexiv und mit Bescheidenheit agieren.

Viele Menschen finden das sehr anstrengend. Was kann man gegen die Abstumpfung in der Gesellschaft tun?

Das ist eine große Herausforderung. Wie geht man mit Menschen um, die der Meinung sind, es gebe keine Diskriminierung? Ich glaube, wenn Rassismus erlernt ist, dann kann er auch verlernt werden. Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür, was man mit Bildung und Kulturarbeit erreichen kann. Zwar gibt es viel zu kritisieren, und wir beobachten gerade ein Erstarken rechtspopulistischer Strömungen, aber es gibt durchaus eine Sensibilisierung, eine Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte.

Eine Politik des Zuhörens

Die Migrationsbewegungen haben uns wieder einmal vor Augen geführt, wie stark alles in unserer Welt voneinander abhängt. Wie kann auf globaler Ebene eine gesunde, humane, ethische Zusammenarbeit aussehen?

Es gibt sehr wichtige ökonomische Interventionen, wir müssen die Ungleichheiten und die Monopolisierung des Reichtums durch Umverteilung bekämpfen. Aus politischer Sicht brauchen wir mehr Partizipation, mehr soziale und kulturelle Diversität und eine bessere globale Zusammenarbeit.

Was kann ich selbst dazu beitragen?

Ich betone immer eine andere Politik des Zuhörens. Unser ganzer Fokus liegt auf dem Sprechen, wer spricht, hat Macht, wer keine Stimme hat, muss schweigen, ist passiv. Wenn wir eine gerechte Umverteilung der Handlungsmacht wollen, müssen wir in der Lage sein, von denen zu lernen, denen wir helfen wollen. Ihnen zuhören. Das erfordert sehr viel Geduld. Jeder, der schon einmal eine andere Sprache gelernt hat, weiß das. Es ist viel einfacher, 50 Euro an Amnesty International zu spenden, als eine Sprache zu sprechen. Und doch: Wenn wir eine langfristige, verpflichtende globale Zusammenarbeit wollen, brauchen wir eine andere Politik des Dialogs.

In einem Ihrer Texte zitieren Sie Gloria Anzalduá: Obwohl wir vor der unsicheren Zukunft zittern, dürfen wir doch im Angesicht unserer Ängste tanzen.“ Können wir das denn, bei all dem Leid in der Welt?

Dazu gehören zwei Aspekte: Ängste spielen eine sehr wichtige Rolle für konservative und faschistische Politik. Sie werden dafür instrumentalisiert, eine ausgrenzende Politik zu legitimieren. Es gibt aber auch die alte feministische Losung, if i can‘t dance, it‘s not my revolution“. Ich denke dabei an Antonio Gramsci: Der sprach vom Pessimismus des Verstandes, aber vom Optimismus des Willens. Wir alle haben Ängste – aber das Leben ist nicht nur Last und Bürde, wir müssen es mit Optimismus verfolgen.

Foto: Andreas Friedle

Nikita Dhawan ist Professorin für Politikwissenschaft (Politische Theorie mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung) und Leiterin der interfakultären Forschungsplattform Geschlechterforschung: Identitäten – Diskurse – Transformationen“ an der Universität Innsbruck.

Christopher Resch ist freier Journalist und lebt in Leipzig.

Am 4. Oktober 2017 spricht Nikita Dhawan im Hospitalhof Stuttgart über die Grenzen des Mitleids”. Im Anschluss findet eine von Elisabeth Conradi (Professorin für Gesellschaftstheorie und Philosophie, Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart) moderierte Diskussion mit dem Publikum statt.

Die Veranstaltung ist Teil der Reihe Total Glokal. Stuttgarter Weltgespräche”.