Foto: Madalena International — Berlin 2012 (screenshot) / © http://​visu​al​pro​ject​.indi​via​.net/

Kunst als Ausdruck eines Wir-Gefühls

Von Bárbara Santos

1964 kam in Brasilien das Militär an die Macht und errichtete eine blutige und autoritäre Diktatur. Weite Bereiche der Gesellschaft unterlagen fortan der Zensur. Um auch weiterhin eine öffentliche Diskussion bestimmter Themen zu ermöglichen, entwickelte der Theaterregisseur Augusto Boal die Methode des Theaters der Unterdrückten, mit der es ihm gelang, die politischen Restriktionen zu überwinden.

Das Theater der Unterdrückten will durch Kunst soziale Ungerechtigkeiten aufzeigen, darstellen und überwinden. Es möchte ein Bewusstsein dafür schaffen und konkretes Handeln fördern. Durch seine Darstellung der Wirklichkeit schärft es die Beobachtungsgabe des Publikums und ermutigt zu einer kritischen Haltung gegenüber dieser. Diese Methode hebt die Trennung von Bühne und Publikum auf und schafft auf unterhaltsame Weise einen demokratischen Raum. Durch Beteiligung des Publikums kann ein interaktiver Dialog zustande kommen. So gibt sie unterdrückten Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit, sich eine Theateraufführung anzueignen und sie zu ihrer eigenen Erzählung zu machen. 

Soziale Ungerechtigkeiten wirken sich auf verschiedenen Ebenen ganz konkret auf unterschiedliche Lebensbereiche aus. In ein und derselben Konfliktsituation kann es vielfältige Ursachen, Motivationen, Interessen und gesellschaftliche Implikationen geben. Nachdem die jeweilige Situation dramaturgisch dargestellt wurde, ermuntert ein so genannter Facilitator“ die Schauspieler das Publikum mit einzubeziehen. Sie stellen den Zuschauern Fragen, analysieren kollektiv die Struktur des dargestellten Konflikts und suchen nach alternativen Konfliktlösungen.

Diese Methode wird inzwischen in vielen Teilen der Welt, in verschiedenen Sprachen und Kulturen genutzt: von Australien bis Afghanistan, von Taiwan bis Portugal, von Schweden bis Südafrika, von Angola bis Kanada, von den USA bis Argentinien. Gerade weil die Methode so flexibel ist, kann das Theater der Unterdrückten in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen eingesetzt werden. Es lässt sich auf sehr verschiedene Wirklichkeiten und Thematiken anwenden. Unterdrückung der Frau ist beispielsweise ein weit verbreitetes Thema. Je nach ethischer oder nationaler Zugehörigkeit verwenden Gruppen unterschiedliche Stile und Strategien, um mit ihrem Publikum zu kommunizieren. Es hängt von er jeweiligen Kultur und politischen Situation, den vorherrschenden Tabus, Gesetzen und sonstigen regionalen Besonderheiten ab, inwiefern das Theater praktiziert wird, um Veränderungen in der Region herbeizuführen.

Die Überwindung politischer Restriktionen

Augusto Boal, brasilianischer Dramaturg und Begründer des Theaters der Unterdrückten, wurde am 16. März 1931 in einem Vorort von Rio de Janeiro geboren. Er begann seine Laufbahn 1955 als Theaterregisseur. 1964 kam in Brasilien das Militär an die Macht und errichtete eine blutige und autoritäre Diktatur. Unter diesen politischen Bedingungen suchte Boal die Nähe zu Gewerkschaften und Studentenvertretungen, die dem Regime die Stirn boten. Ende der 1960er arbeitete er bei Bertolt Brechts Stück Die Ausnahme und die Regel“ erstmals mit Laiendarstellern – in diesem Fall mit Arbeitern einer Metallgewerkschaft.

Weite Bereiche der brasilianischen Gesellschaft unterlagen der Zensur. Unter Boals Leitung entwickelte eine Künstlergruppe bestimmte dramaturgische Techniken, um sich mit Inhalten auseinander zu setzten, die aus den Zeitungen gestrichen worden waren. Das Zeitungstheater“ entstand als ästhetische Antwort auf die Zensur von Medien, Künstlern und Gesellschaft und wurde zur ersten ureigenen Technik des Theater der Unterdrückten. Die aktuelle Wiederentdeckung dieser Technik zeugt von der Notwendigkeit, die von wirtschaftlicher Macht kontrollierten Massenmedien zu demokratisieren und zu erkunden, welche Möglichkeiten moderne Kommunikationsmittel wie das Internet bieten.

1971 wurde Augusto Boal vom Militär entführt, gefoltert und erst nach drei Monaten wieder freigelassen. Bis 1976 lebte er in Argentinien im Exil. 1973 arbeitete er in Peru an einem Projekt mit indigenen und nicht-indigenen erwachsenen Peruanern – einer Gruppe, in der fast 50 verschiedene Muttersprachen vertreten waren. Vor diesem Hintergrund entwickelte Boal das Statuentheater“. Als zweite Technik des Theaters der Unterdrückten setzt diese non-verbale Form auf die Darstellung von Problemen und Gefühlen durch konkrete körperliche Bilder, sowohl von Einzelpersonen als auch von Personengruppen.

Gleichzeitig entstand in Peru mit dem Forumtheater“ noch eine weitere Technik. Dabei wird ein reales Problem von jenen in Szene gesetzt, die es erleben. Die Inszenierung erfolgt in Form einer offenen Frage an das Publikum, das eingeladen ist, in die dramatische Handlung einzugreifen und Alternativen zu finden, um die von ihnen dargestellte Wirklichkeit zu verändern.

Das Unsichtbare Theater“ ist die letzte Technik, die in Lateinamerika in der Zeit politischer Restriktionen entwickelt wurde, um die öffentlichen Diskussion über bestimmte Probleme zu ermöglichen. Zwar handelt es sich um Theater, doch muss es in der Öffentlichkeit aufgeführt werden, ohne als solches erkennbar zu sein. Es soll vielmehr als reales, unmittelbar stattfindendes Ereignis erscheinen. Diese Technik hat mit Improvisation nichts zu tun. Stattdessen geht es um ein Modell, das durch die Analyse einer bestimmten Situation geschaffen wird. Die Proben sollen das Ensemble möglichst in die Lage versetzen, auch unerwartet eintretende Umstände zu berücksichtigen.

Die Ästhetik der Unterdrückten

1976 zog Boal nach Europa. Mitte der 1980er Jahre erstaunten ihn Äußerungen von Teilnehmern seiner Workshops, die von Vereinsamung berichteten, von Schwierigkeiten bei der Umsetzung getroffener Entscheidungen, vom Nichtverstehen der eigenen Wünsche oder von unklaren Vorstellungen bezüglich ihres eigenen Standpunkts. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Cecília rief Boal daraufhin in Frankreich ein Theaterlabor und ein Forschungsprojekt ins Leben. Die Idee war, mittels Kunst herauszufinden, wie die gesellschaftlichen Gegebenheiten jene bedrückenden Gemütsverfassungen herbeiführten. Er wollte dadurch ein objektives Verständnis ihrer Auswirkungen auf das Leben der Menschen gewinnen. Regenbogen der Wünsche“ ist ein Oberbegriff für ein Bündel von szenischen Techniken. Damit lassen sich Fälle untersuchen, in denen die Unterdrücker so sehr internalisiert worden sind, dass ihre Ideologien in den Gewohnheiten und im Alltag der Unterdrückten nachhallen.

Mit dem Einzug der Demokratie in Brasilien kehrte auch Augusto Boal 1986 in seine Heimat zurück. Er wurde als Abgeordneter ins Parlament von Rio de Janeiro gewählt und entwickelte das Projekt des Legislativen Theaters“. Dabei ist das Publikum eingeladen, während der Szenen zu intervenieren und Vorschläge für Gesetzesinitiativen aufzuschreiben, die dann analysiert, systematisiert und unmittelbar nach der Theateraufführung per Abstimmung beurteilt werden.

Zwischen 2001 und 2009 führte Boal ein umfassendes künstlerisches Forschungsprojekt durch, an dem sämtliche Experten, Ensembles und Projektbeteiligten des Center for the Theatre of the Oppressed (CTO) in Brasilien, Guinea-Bissau und Mosambik teilnahmen. Praktische Erfahrungen flossen in theoretische Konzepte ein, die ihrerseits die Entwicklung neuer Handlungsformen anregten. Diese schlugen sich in der Ästhetik der Unterdrückten“ nieder, auf der die aktuelle, neue Forschung zu dieser Methode basiert.

Foto: Noélia Albuquerque

Bárbara Santos ist künstlerische Leiterin von KURINGA, einem Ort für das Theater der Unterdrückten“ in Berlin, und des Theaterensembles Madalena-Berlin“. Außerdem hat sie das Ma(g)dalena International Network“ gegründet, ein internationales Netzwerk von Frauen zur Überwindung von Sexismus und Unterdrückung. 2016 erschien in Rio de Janeiro ihr Buch „THEATRE OF THE OPPRESSED: Roots and Wings, a theory of the praxis“.

Foto: Madalena International - Berlin 2012 (screenshot) / © http://visualproject.indivia.net/

Die Iranerin Ramshid Rashidpour realisierte im Rahmen der CrossCulture Tour am 10. September das Theater der Unterdrückten” in „HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste” Dresden. Anlässlich des 100-jährigen ifa-Jubiläums touren sieben ehemalige ifa-Stipendiaten von April bis Oktober 2017 mit ihren Projekten durch Deutschland. Ihre Schwerpunkte sind: Politik und Gesellschaft, Menschenrechte sowie Medien und Kultur. Eindrücke vom Theater der Unterdrückten” finden Sie hier.