Foto: Ceren Suntekin

Ein Ort für Hoffnungen und Träume

Von Nalan Sipar

In dem verarmten Stadtteil Tarlabaşı in Istanbul spielen türkische, kurdische, syrische und Roma Kinder miteinander. Trotz ihrer ethnischen Unterschiede verbindet sie ein gemeinsamer Nenner: Ihre Armut. Das Tarlabaşı Community Centre ist der einzige Raum hier für Träume und Hoffungen.

Der Alien Jackie fragt die 13 jährige Samira: Kannst du mir deine Stadt zeigen?” Gerne”, sagt Samira. Die etwas wackelige Kamera folgt dem Mädchen und der Puppe Jackie durch einen überfüllten Basar. Sie schlendern sorglos durch die engen, durchlöcherten Straßen des Stadtteils Tarlabaşı in Istanbul. Endlich kommen sie im Tarlabaşı Community Centre an. Der Alien Jackie dreht sich vor dem Zentrum um und sagt: Hmm, auf diesen Straßen haben Kinder leider keinen Platz zu spielen.” Und schon muss er zurück ins All.

Der verlorene Stadtteil

Die Kinder des Tarlabaşı Community Centre haben das Drehbuch des Kurzfilms Der Alien Jackie” selbst geschrieben, gespielt und gedreht. Das Zentrum ist vielleicht der einzige Ort, in dem sie ihrer kreativen Fantasie freien Lauf lassen können. Denn der Stadtteil Tarlabaşı, in dem sie leben und von dem das Zentrum seinen Namen nimmt, ist einer der ärmsten Stadtteile Istanbuls. Er ist zwar nur wenige hundert Meter von dem glamourösen Taksim Platz entfernt, doch von den teuren Einkaufszentren und den historischen Sehenswürdigkeiten ist hier nichts zu finden. Zwei grundverschiedene Lebensrealitäten in Istanbul.
Die Menschen in dem Stadtteil Tarlabaşı sind gleich mehrfach diskriminiert. So gehören sie nicht nur der ökonomisch schwächsten Gruppen an, sondern meistens auch einer ethnischen Minderheit, wie etwa Roma oder Kurden. Auch immer mehr syrische Flüchtlingskinder sieht man hier.

Für ihren Film
Für ihren Film Der Alien Jackie” basteln die Kinder im Tarlabaşı Community Centre eine Puppe.

Kunst gegen Vorurteile

Weit weg von diesem krassen Gegensatz sind Kinder, wenn sie an den Aktivitäten des Zentrums teilnehmen: Hier können sie Gitarre lernen, Theater spielen, singen, malen, eine Kinderzeitschrift herausbringen. Alles Dinge, für die ihre Familien kein Geld hätten. Ceren Suntekin arbeitet als Sozialarbeiterin im Tarlabaşı Community Centre und kennt die Verhältnisse in denen die Kinder hier leben sehr gut. Sie kommen aus sehr armen Familienverhältnissen und leben oft in einer Einzimmerwohnung”, sagt sie. Sie hätten weder ihr eigenes Zimmer, noch einen Schreibtisch. Einige von ihnen müssen sich dazu um ihre kleineren Geschwister kümmern, weil ihre Eltern sehr viel arbeiten. Viele von ihnen verlassen deshalb die Schule und fangen an zu arbeiten”, sagt Suntekin.
Für die Sozialarbeiterin Suntekin ist es deshalb wichtig, die Kinder durch künstlerische Aktivitäten zu gewinnen. Kunst ist für uns sehr wichtig”, sagt Suntekin. Sie wird in den Schulen vernachlässigt oder gar komplett ignoriert. Dabei hilft Kunst den Kindern ihre Vorurteile zu hinterfragen, sich weiterzuentwickeln und macht sie zu Teamplayern”, sagt sie.

Im Community Centre können Kinder aus ärmlichen Verhältnissen Musik oder Theater spielen.
Im Community Centre können Kinder aus ärmlichen Verhältnissen Musik oder Theater spielen.

Der Stadtteil, in den sich keiner traut

Ceren Suntekin arbeitet seit zwölf Jahren in dem Tarlabasi Community Center. Vor ihrer Tätigkeit dort hörte sie ausschließlich Negatives über den Stadtteil: Die Polizei hat uns anfangs gewarnt und meinte, die Anwohner würden uns jagen und uns Steine hinterher werfen. Tarlabaşı sei der Stadtteil, in den sich bisher keine NGO getraut habe”, fügt Ceren Suntekin hinzu. Manchmal muss ich bis in die späte Nacht arbeiten und kann erst dann nach Hause. Doch passiert ist mir nie etwas”, versichert sie. 

Dieser schlechte Ruf ist auch das Hauptproblem des Tarlabaşı Community Centres. Es ist auf die finanzielle Unterstützung von außen angewiesen. Die Stadt Istanbul hat kein Interesse in ein solches Projekt zu investieren. Sie würden den ganzen Stadtteil am liebsten ganz zerstören und neu erbauen”, sagt Ceren Suntekin. Lediglich private Spender sowie ausländische Botschaften würden finanzielle Förderungen auf Projektbasis anbieten. Die Botschaft des Vereinigten Königreiches, GIZ, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit oder das niederländische Bernard van Leer Foundation seien einige der Förderer. Also muss das Zentrum Jahr für Jahr um das finanzielle Überleben kämpfen. 

Baufällige Wohnungen prägen das Statdtbild in Tarlabaşı.
Baufällige Wohnungen prägen das Statdtbild in Tarlabaşı.

Zukunftsperspektiven für verlorene Jugendliche

Dabei gibt es verlorenen Jugendlichen neue Zukunftsperspektiven. Für Ceren Suntekin ist das Tarlabaşı Community Centre eine Herzensangelegenheit: Unsere ehemaligen Kinder sind mittlerweile auf dem Gymnasium oder bereiten sich auf die Universitäten vor. Viele von ihnen besuchen uns hier immer noch. Drei von ihnen arbeiten hier selbst als Erzieher. Und wenn ich sehe, was diese Kinder mittlerweile in ihrem Leben erreicht haben, dann ist es für mich die größte Motivation weiter zu machen.” Sie wünscht sich sehr, dass das Tarlabaşı Community Centre weiter bestehen bleiben kann.

Alle Bilder: © Ceren Suntekin
Zur Hompepage des Tarlabaşı Community Centres

Foto: privat

Nalan Sipar ist Redakteurin und Moderatorin bei der Deutschen Welle. Sie lebt seit ihrem 15. Lebensjahr in Deutschland. In ihrer Arbeit versucht sie der Türkei Deutschland zu erklären und umgekehrt.