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Tanz als Ausdruck nationaler Identität

Von Rachmi Diyah Larasati

Die Geschichte einer Wir“-Kultur in Indonesien ist keine einfache. Indonesien erlangte 1945 seine Unabhängigkeit, nach einer langen Periode niederländischer Kolonialherrschaft. Die Aufgabe, ein Archipel von über 17.000 Inseln mit einer ungeheuren Vielfalt an Ethnien, Sprachen und Kulturen zu einer Nation zu vereinen, war gewaltig.

Um zu verstehen, was Wir“ für Indonesien bedeutet, müssen wir zunächst einen Blick in die Vergangenheit werfen.

Ich erinnere mich an einen Abend in den 1970er Jahren: Während einer Tanzstunde sagte mir mein Lehrer, ich müsse meine Bewegungen ändern, sie verfeinern und genauer an die Musik anpassen. Ich war sehr überrascht, weil das nicht der Art zu tanzen entsprach, die er mich gelehrt hatte. Aber er bestand darauf, dass wir unsere Technik und Körperbewegungen überarbeiten. Schon bald erfuhr ich den Grund dafür: Der anstehende Besuch eines Vertreters der regionalen Kultusbehörde würde darüber entscheiden, ob unsere Tanzschule die Anforderungen erfüllte, um die Akkreditierung und eine damit verbundene finanzielle Förderung zu erhalten. Gemäß den vom Kultusministerium erlassenen Standardisierungsrichtlinien musste unser regionaler Tanz aus Ostjava, damit er den Kriterien für Nationaltanz genügte, dem zentraljavanischen Yogyakarta-Stil entsprechen. Denn Wir“ sind die Nation des Tanzes, der adiluhung” ist: kultiviert und elegant. 

Kulturpraktiken wie das Tanzen spielen in der indonesischen Kultur eine große Rolle. Mitte der 1960er Jahre gab es nach der ersten Präsidentschaft einen umfassenden Kulturwandel, der mit strenger staatlicher Kontrolle einherging. Er war geprägt von einer Politik der Zentralisierung und einer neuen Auffassung von Staatsidentität. Nach einem Staatsstreich 1965, in dessen Folge es zu antikommunistischen Massakern kam, bestimmte eine neue Form von nationaler Identität das Leben der indonesischen Bevölkerung. Tausende wurden beschuldigt, Kommunisten zu sein, und deshalb verfolgt, inhaftiert und oftmals umgebracht. Dieser Genozid markierte den Beginn des Regimes von General Suharto, der sogenannten Neuen Ordnung“, die mehr als drei Jahrzehnte währte. Ihr Merkmal war die Unterdrückung regionaler Kultur im Namen einer gemeinsamen Identität, von Stabilität und nationaler Sicherheit. Die Konstruktion einer nationalen Identität ist eng verknüpft mit den Begriffen der Exklusion und Inklusion, des Dazugehörens und Nicht-Dazugehörens. Anders gesagt: Es ist die Regierung, die diese Art von Wir“ einführt. Zugunsten dieser nationalen Idee vom Wir“, die mit einer Politik des Gehorsams verbunden ist, exkludiert sie verschiedene Kulturpraktiken und allemal die ästhetischen Vorstellungen unserer ostjavanischen Dorfbewohner.

Der Gesellschaftstanz Gandrung”

Ein Beispiel für diese Exklusion und Inklusion ist der Gandrung“, ein Gesellschaftstanz, der seinen Ursprung in Ostjava hat und hauptsächlich von Frauen zur Feier der Ernte aufgeführt wird. Traditionellerweise stammten die meisten Tänzerinnen aus der Bauernschaft; auch die Musiker waren Bauern. Dieser Tanz wurde 1965 verboten. Viele Tänzerinnen und Musiker waren nicht mehr gesehen, wurden umgebracht oder mit einem Auftrittsverbot belegt, da man sie der Verbindung zur Kommunistischen Partei Indonesiens verdächtigte.

Dann, Anfang der 1980er Jahre, tauchte der Tanz plötzlich als Bestandteil des Nationalen Tanz-Curriculums wieder auf, zumeist in Darbietungen staatlicher Künstler. Was jener traditionellen, alteingesessenen Tänzerschaft widerfuhr, ist beispielhaft für die Nationalisierung, die Tänze in Indonesien durchliefen und in deren Folge sie – in ihrer ursprünglichen Form – allmählich verschwanden. Zahlreiche Tänzerinnen verschwanden während der Unruhen von 1965. Tänze wurden standardisiert und nationalisiert. Man impfte Tänzerinnen die Treue zum Nationalismus ein, und Tanzdarbietungen mussten, auf staatliche Anordnung hin, einem bestimmten Moralkodex entsprechen.

Ich selbst habe fünf Jahre nach den – mittlerweile im kollektiven Gedächtnis des Volkes verblassten – Massakern von 1965 – 66 mit dem Tanzen begonnen. Meine Großmutter lehrte mich, dass der Gandrung“ als Tanz für ein ökologisches Bewusstsein steht, das eng mit einer Geschichte des Landes und der Rolle der Frau im landwirtschaftlichen Leben verbunden ist. Der Unterkörper muss schnelle Bewegungen ausführen können, während die Füße zu den Schwingungen des Rhythmus auf den Boden stampfen. Ich beschäftigte mich immer weiter mit diesem Tanz, bevor ich ihn dann an der Universität noch einmal neu erlernte. Allerdings musste ich damals meine Technik anpassen, speziell was die Bewegungen des Unterkörpers angeht. Uns wurde beigebracht, artiger zu tanzen, ohne jeden narrativen Bezug auf Weiblichkeit und den weiblichen Körper. Der Stil des Höfischen Tanzes aus Zentraljava wurde zum ästhetischen Standard, auch für andere Tänze. Die standardisierte Version des Gandrung“ ist heute Teil des staatlichen Lehrplans; sie wird an Schulen unterrichtet und bei staatlichen Kulturabenden aufgeführt, an denen man den kulturellen Reichtum Indonesiens präsentiert – eine Wir“-Kultur, die bestimmte regionale Bräuche exkludiert. Nachdem man die Kulturpraktiken regionaler Bevölkerungsgruppen zunächst marginalisiert und deren Mitglieder als Staatsfeinde behandelt und sogar verfolgt hat, werden sie anschließend – nach einem Transformationsprozess – Teil der Nationalkultur.

Das vorherrschende Narrativ des​„Wir“

Doch die Regierung übernimmt nicht nur die Kontrolle über Kulturpraktiken, sondern auch über den weiblichen Körper, und befördert so eine Art kollektiver Amnesie. Das staatliche Narrativ der Massaker von 1965 – 66 wurde in der Gesellschaft reproduziert, zum einen durch die Unterdrückung aller abweichenden Erinnerungen, zum anderen durch Einschüchterung.

Der weibliche Körper – nach traditionellem Verständnis außerhalb der politischen Sphäre angesiedelt – hatte ein Art Löschfunktion und sollte jeden Hinweis auf Körper tilgen, die weniger gewillt waren, das vorherrschende Narrativ des Wir“ zu akzeptieren. Indem man diese neue Version des Tanzes praktizierte, verwischte man die Spuren seines Ursprungs, was eine fabrizierte Erinnerung“ der Nation begünstigte. Nachdem der weibliche Körper im Tanz verteufelt und marginalisiert worden war, erschuf man ihn in einer kultivierteren Version neu. So wird der staatlichen Vorschriften entsprechende Körper zu einer idealisierten Verkörperung der Nation. Deshalb tragen Darbietungen des Indonesischen Tanzes“, als Rekonstruktion der nationalen Identität, zur kulturellen und institutionellen Amnesie des Volkes bei.

Später wurde ich staatliche Tänzerin, unterrichtete Tanz an einer Kunstakademie und trat in vielen Teilen der Welt bei Kulturveranstaltungen auf. Ich erlebte mit, wie unser Tanz in Schulen und anderen Institutionen neu unterrichtet wurde, mit dem Ziel, ihn zu einem Teil der nationalen Identität zu machen, unter starker Betonung der Sprache des Multikulturalismus und der Vielfalt. Man mag dies als Teil eines multikulturalistischen Projekts von Indonesien betrachten, aber aus einer anderen Perspektive ist es eine Verletzung der Art und Weise, wie der Körper diesen Tanz ursprünglich ausführte.

Was also bedeutet es, wenn wir sagen, Wir“ seien Indonesier? Bedeutet es ‚„Wir“ als Bürger dieses Landes‘? Oder ‚„Wir“ als Unterstützer einer nationalen Agenda‘? In den darstellenden Künsten spiegelt sich deutlich die kulturelle Rekonstruktion Indonesiens als Manifestation staatlicher Herrschaft, die dazu dient, die Kontrolle über die Gestaltung der kulturellen Identität und des kulturellen Gedächtnisses der Nation zu behalten. Zugleich ist Indonesien bemüht, sich auf internationaler Bühne als großartiges multikulturelles Projekt darzustellen.

Hin zu einer neuen staatlichen Identität

Derzeit befindet sich Indonesien in einer Übergangsphase hin zu einer neuen staatlichen Identität. Tanz ist offiziell erlaubt und gedeiht in verschiedensten Interpretationen; darunter finden sich zeitgenössische und kreative wie auch traditionelle Darbietungen. Die Wiederaufführung von Gandrung“ in vielen Varianten ist dafür ein Beispiel. Zugleich aber gibt es mit dem zunehmenden Konservatismus eine Bewegung in die Gegenrichtung. Erneut sehen sich viele Tänzer gezwungen, ihre Darbietungen anzupassen – diesmal, um der neuen Interpretation islamischer Kleidervorschriften zu entsprechen.

Tänze werden auch weiterhin abgewandelt werden und unterschiedliche Darstellungen erfahren. Viele javanische Bevölkerungsgruppen akzeptieren das als Teil einer sozio-ökonomischen Strategie, in der dem Tourismus eine Schlüsselrolle zukommt. Zudem verblassen die Erinnerungen an die Massaker allmählich, werden ausgemerzt als etwas, das nicht mehr Staatspolitik ist. Irgendwann aber wird auch der ursprüngliche Tanz wieder erlernt und seine Kontinuität wiederhergestellt werden, durch künftige Generationen jener Familien, die in der Vergangenheit verfolgt und ironischerweise ebenfalls Opfer des Programms zur Bewahrung des kulturellen Erbes wurden. Selbst wenn Inhalt und Narrativ in der Zukunft nicht mehr dieselben sind – der Tanz wird andauern.

Foto: privat

Rachmi Diyah Larasati ist Privatdozentin für Kulturtheorie und Kulturgeschichtsschreibung am Fachbereich Theatre Arts & Dance der University of Minnesota. Sie ist Studienberaterin sowie assoziierte Mitarbeiterin des Interdisciplinary Center for the Study of Global Change und der Fachbereiche Feminist Studies (GWSS) und Asian Languages and Literatures.