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Rituale in Gemeinschaften

Von Christoph Wulf

Rituale gehören zu den wichtigsten Praktiken, die Gemeinschaften hervorbringen, erhalten und verändern. Ohne sie gäbe es weder Zusammengehörigkeit noch Soziales – beides Grundbedürfnisse des Menschen. Insbesondere durch Inklusion und Exklusion bilden Rituale Gemeinschaften und stiften deren Identität.

In der weitgefächerten interdisziplinären und internationalen Ritualforschung herrschen unterschiedliche Vorstellungen davon, was unter einem Ritual zu verstehen ist und welchen Beitrag es zur Bildung von Gemeinschaften leistet. Konsens besteht darüber, dass Liturgien, Zeremonien, Feste und viele Alltagshandlungen wie Begrüßungen als Rituale angesehen werden können. Rituale sind das Ergebnis von Symbolisierungs- und Konstruktionsprozessen und lassen sich auch nach ihren Anlässen unterscheiden. So differenzieren wir Übergangsrituale (zum Beispiel Geburt, Initiation, Hochzeit, Tod), Rituale der Institution beziehungsweise Amtseinführung, jahreszeitlich bedingte Rituale (Weihnachten, Geburtstage, Nationalfeiertage), Rituale der Intensivierung (Feiern, Liebe, Sexualität), Rituale der Rebellion (Friedens- und Ökobewegung, Jugendrituale) und Interaktionsrituale (Begrüßungen, Verabschiedungen, Konflikte).

Während einer Hochzeitszeremonie in Kant, Kirgisistan, drehen sich zwei Mädchen unter Platten mit Gebäck und Kerzen. Laut Überlieferung wird es dann Licht und Wohlstand für das Paar geben. Foto: Bardzimashvili / n-ost
Während einer Hochzeitszeremonie in Kant, Kirgisistan, drehen sich zwei Mädchen unter Platten mit Gebäck und Kerzen. Laut Überlieferung wird es dann Licht und Wohlstand für das Paar geben. Foto: Bardzimashvili / n-ost

Rituale als performative Handlungen

Wie die Berliner Ritual- und Gestenstudie” gezeigt hat, ist es vor allem die Inszenierung und Aufführung von Ritualen, die zur Nachhaltigkeit der Gemeinschaft führt. In der körperlichen Darstellung von Ritualen und Ritualisierungen zeigen Menschen und Gemeinschaften, wer sie sind und wie sie ihr Verhältnis zu anderen Menschen, zu anderen Gemeinschaften und zur Welt begreifen. Solche rituellen Prozesse lassen sich als szenische Aufführungen performativen Handelns verstehen, in deren Rahmen den Mitgliedern einer Gemeinschaft unterschiedliche Aufgaben zufallen. Manche rituellen Inszenierungen und Gemeinschaften entstehen spontan und ohne offensichtlichen Anlass. Andere rituelle Aufführungen hingegen sind aus dem Kontext und einer identifizierbaren Vorgeschichte zu verstehen.

Was bleibt in Ritualen gleich, was ändert sich und woran liegen diese Veränderungen? Ein Grund für diesen variationsoffenen dynamischen Charakter von Ritualen liegt darin, dass viele von ihnen ludische, das heißt spielerische Elemente haben, die verändert werden können. In einigen weltumspannenden Ritualen wie zum Beispiel der Olympiade ist das ludische Element für das Ritual sogar konstitutiv, sodass eine eindeutige Unterscheidung zwischen Spiel und Ritual kaum möglich ist.

Die gemeinschaftsbildende Wirkung von Ritualen geht in erster Linie auf die Inszenierung und Aufführung der beteiligten menschlichen Körper zurück. Selbst wenn die Mitglieder einer Gemeinschaft ein Ritual unterschiedlich deuten, wirkt die Tatsache, dass es zusammen vollzogen wird, gemeinschaftsbildend. Trotz verschiedener Befindlichkeiten, differenter Deutungen und grundlegender Unterschiede schafft die Performativität der rituellen Handlungen Gemeinschaft. 

In der heiligen Stadt Varanasi, Indien, versammeln sich Menschen am Ufer des Ganges zu einem morgendlichen Reinigungsritual.  Foto:  twstipp / istockphoto
In der heiligen Stadt Varanasi, Indien, versammeln sich Menschen am Ufer des Ganges zu einem morgendlichen Reinigungsritual. Foto: twstipp / istockphoto

Wenn vom Performativen, von Performanz und Performativität die Rede ist, so liegt der Akzent auf der Welt- und Gemeinschaft konstituierenden Seite des Körpers. Diese zeigt sich in der Sprache und im sozialen Handeln, wobei auch Sprache als Handlung und soziales Handeln als Inszenierung und Aufführung zu verstehen sind. Wird menschliches Handeln aber derart umfassend als aufführendes kulturelles Handeln begriffen, so verändert sich damit auch das Verständnis von sozialen Prozessen. In diesem Fall finden die Körperlichkeit der Handelnden und der Ereignis- und inszenatorische Charakter ihrer Handlungen größere Aufmerksamkeit, ist soziales Handeln mehr als die Umsetzung von Intentionen und gerät die Art und Weise, in der Handelnde ihre Ziele verfolgen und zu realisieren versuchen, stärker in den Blick. Da in diese Prozesse unbewusste Wünsche, frühere Erfahrungen und Empfindungen eingehen, zeigen Handlungen auch bei intentional gleicher Ausrichtung in der Inszenierung ihrer körperlichen Aufführung und im Wie ihrer Durchführung erhebliche Unterschiede.

Die mimetische Erzeugung der Gemeinschaft im Ritual

Für die nachhaltige Bildung von Gemeinschaften durch Rituale spielen mimetische, kreative Nachahmungsprozesse eine wichtige Rolle. Einmal sind diese mimetischen Prozesse diachron, das heißt sie beziehen sich auf frühere Aufführungen, Muster und Figurationen, greifen diese auf und gestalten sie. Zum anderen stellen die synchronen mimetischen Prozesse während eines Rituals fließende Verbindungen zwischen den Ritualteilnehmern her. Diese Verbindungen empfinden die Ritualteilnehmer als gemeinschaftserzeugend und beglückend.

Menschen lernen, sich in Ritualen und rituellen Arrangements angemessen zu verhalten, indem sie an rituellen Handlungen teilnehmen, sie inszenieren und aufführen. In mimetischer Angleichung an die Performativität der Rituale nehmen sie einen Abdruck von diesen und inkorporieren ihn. Dadurch wird die rituelle Außenwelt Teil ihrer Innenwelt. Reduziert man rituelles Handeln nicht auf die Intentionalität der Rituale, sondern betont deren performativen Charakter, dann wird rituelles Handeln als vielschichtige Aufführung und Inszenierung sichtbar. Damit kommt der Körper des rituell Handelnden ins Spiel, sind doch nun auch seine Bewegungen, sein Rhythmus, seine Gestik von Interesse. Rituelles Handeln in diesem Sinne wird durch praktisches körpergebundenes Wissen ermöglicht, das auf vielfältige Weise performativ wird.

In einer ersten Annäherung lassen sich rituelle Handlungen als mimetisch und gemeinschaftsstiftend bezeichnen, wenn sie als Bewegungen Bezug auf andere Bewegungen nehmen, wenn sie sich als körperliche Aufführung oder Inszenierungen begreifen lassen und wenn sie eigenständige Handlungen sind, die aus sich heraus zu verstehen sind und die auf andere Handlungen oder Welten Bezug nehmen. Davon zu unterscheiden sind nicht-körperliche Handlungen wie mentales Kalkül und Entscheidungen, aber auch reflexhaftes Verhalten oder einmalige Handlungen und Regelbrüche. 

Die Entwicklung von Gemeinschaften, Gesellschaften und Individuen ist ohne Rituale nicht möglich. Deshalb ist deren Gestaltung eine wichtige soziale Aufgabe. Wegen der in vielen Ritualen implizit enthaltenen Macht- und Deutungsstrukturen bedarf es auch einer kritischen Auseinandersetzung mit ihnen. Diese ist für die Bewahrung des lebendigen Charakters der Rituale und deren Weiterentwicklung unerlässlich.

Probe für die Siegesparade in Moskau, Russland, zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges. Foto: Besserer / n-ost
Probe für die Siegesparade in Moskau, Russland, zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges. Foto: Besserer / n-ost
Foto: Christoph Wulf

Christoph Wulf ist Professor für Anthropologie und Erziehung an der Freien Universität Berlin und Vize-Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen unter anderem die Erforschung von Performativität, Emotionen und kulturellem Erbe. Gastprofessuren führten ihn unter anderem nach Stanford, Paris, Sao Paulo, Tokio, Beijing und Neu-Delhi.