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Kulturelle Rechte: ein Schlüssel zur Förderung von Global Citizenship

Von Farida Shaheed

Wün­sche und Sehn­süchte werden von Gemein­schaften mit gemein­samen kul­turellen Werten geprägt und prägen sie wiederum selbst; sie verkör­pern Konzepte, wie ein Leben in Würde ausse­hen kann. Wenn sich ein neues weltweites Bewusst­sein entwick­eln soll, müssen sich alle Kul­turen ändern.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung des Essays von Farida Shaheed aus der Publikation Global Citizenship. Perspektiven einer Weltgemeinschaft“.

(…) Die Vorstellung einer globalen Bürgerschaft, das Gefühl, dass wir als Menschen alle ein und derselben Gemeinschaft angehören, öffnet den Blick nach vorne, stellt uns aber auch vor Herausforderungen, weil wir dafür die kulturellen Normen und Bezugspunkte, die wir als Einzelne, Gemeinschaften und Staaten für selbstverständlich halten, noch einmal überdenken müssen. (UNESCO: Global Citizenship Education: Topics and Learning Objectives; UNESCO: Paris 2015, S. 14) Da zwischen Kultur und kulturellen Rechten eine symbiotische Beziehung besteht, sind kulturelle Rechte unverzichtbar, wenn es darum geht, ein neues Selbstverständnis im Rahmen von Global Citizenship zu erreichen.

Der Vorstellung einer gemeinsamen und miteinander verbundenen globalen Zukunft liegt ein gegenseitiges Verständnis zugrunde. Kultur kann dieses Verständnis und den Zusammenhalt fördern oder behindern. Sie ist das Prisma, durch das wir unsere menschliche, natürliche und die von uns erzeugte Umwelt wahrnehmen (und durch das wir wahrgenommen werden), mit Hilfe der Kultur verstehen wir unser Umfeld, reagieren darauf und treten mit anderen Menschen in Kontakt; Kultur ist das Vehikel, das wir nutzen, um die Bedeutungen zu artikulieren, die wir unserem Leben und der Welt geben. (…) Kultur ist nie statisch. In einer sich verändernden Welt wird sie ständig (neu) geschaffen als Reaktion auf Herausforderungen und Möglichkeiten, und wird zum Katalysator für neues Denken und neue Schöpfungen. Folglich bedeuten kulturelle Prozesse stets auch die Auseinandersetzung von und mit Bedeutungen, Werten und Lebensweisen, die um Akzeptanz ringen. (vgl. UN-Bericht von Farida Shaheed über kulturelle Rechte)

Von Zugehörigkeitsgefühlen lösen

(…) Auf sozialer Ebene verlangt Global Citizenship, dass wir als Individuen über das Zugehörigkeitsgefühl hinausgehen (uns womöglich davon lösen), das uns seit frühester Kindheit begleitet, um ein weiter gefasstes Verständnis von uns selbst und dem Menschsein allgemein zu erlangen. Für Staaten besteht die Herausforderung darin, dass Nationalstaaten zwar auf einem bestimmten Territorium einer Nation“ gründen, die Grenzen von Staaten und Nationen jedoch nicht übereinstimmen (es gibt mindestens dreizehn Mal so viele Nationen wie Staaten, die bei den Vereinten Nationen vertreten sind. (Siehe: Ephraim Nimni, Collective dimensions of the right to take part in cultural life, Beitrag für das Committee on Economic, Social and Cultural Rights, allgemeine Diskussion über das Recht, am kulturellen Leben teilzuhaben, E/C.12/40/17, S. 4).

Folglich versuchen Projekte zur Nationsbildung eine imaginäre Gemeinschaft durch Narrative zu fördern, die über eine regionale Gemeinschaftsidentität hinausgehen (oder mehrere Identitäten verschmelzen lassen). Die nationale Identität (Nationalität) wird über eine breite Auswahl an Symbolen, Narrativen und Modalitäten vermittelt, etwa in Form von nationalen Feiertagen, Liedern und Festen, identitätsstiftenden Objekten an öffentlichen Orten (zum Beispiel Statuen, Fahnen und andere Symbole), in Narrativen zum Thema Wer sind wir“ im Geschichtsunterricht, in Museen und in der Erinnerungskultur. Dabei handelt es sich normalerweise um subjektive Narrative, die alle anderen gemeinschaftlichen Identitäten in einem Staat zusammenfassen oder ignorieren. Parallel dazu bilden jedoch auch andere Gemeinschaften ihre Identitäten aus, verweben Erzählungen, Mythen und Legenden mit der Geschichte. Diese nationalen und gemeinschaftlichen Identitäten werden Teil des kulturellen Erbes, das an nachfolgende Generationen weitergegeben wird und Bezugspunkte bildet, anhand derer Jüngere ihre kulturelle Identität ausbilden können.

Unser Bildungssystem muss sich ändern“

Wenn uns Bildung ein grundlegendes Verständnis“ vermitteln soll, dass wir als Bürger zusammen in einer globalen Gemeinschaft verbunden und unsere Herausforderungen vernetzt sind“, wie es der UN-Generalsekretär in der Global Education First Initiative 2012 formuliert, dann muss sich in unserem Bildungssystem viel ändern. Für die Akzeptanz von Global Citizenship müssen wir vor allem die Vermittlung von Geschichte an unseren Schulen überarbeiten. (…) Geschichte ist immer unterschiedlichen Interpretationen unterworfen. Verschieden positionierte Gruppen haben vielleicht eine gemeinsame Geschichte, hegen aber völlig unterschiedliche Ansichten darüber, was ein und dasselbe Ereignis bedeuten kann. Selbst wenn die Fakten unstrittig sind, kann über die moralische Legitimation und die Frage, wer recht hatte und wem Unrecht getan wurde, erbittert gestritten werden. Eine einzige homogenisierende Interpretation, die in der Schule gelehrt wird, lässt die Vielfalt verblassen. Wenn das kulturelle Erbe all jener ignoriert wird, die nicht zur dominanten Gruppe (die normalerweise auch die Mehrheit stellt) gehören, entgehen den Mitgliedern der dominanten Gruppe wichtige Möglichkeiten, die Komplexität ihres Landes/​ihrer Gesellschaft zu verstehen, außerdem wird der Raum für Perspektiven und Debatten beschnitten.

Historische Interpretationen – sowohl innerhalb wie außerhalb der Schule – können Stereotypen über marginalisierte Gruppen ignorieren oder vermitteln, bestätigen oder stärken, etwa über Minderheiten, indigene Völker, Frauen oder sozial Schwache. Die singuläre offizielle Auslegung, die in der Schule vermittelt wird, kann im Widerspruch stehen zu den Narrativen privater Gemeinschaften, die aus anderen Quellen stammen. Wenn der Bruch zu groß ist, können sich Gemeinschaften aufgrund der fehlenden pluralistischen Geschichte vor den Kopf gestoßen fühlen, was dazu führt, dass Menschen in derselben Gesellschaft praktisch in Paralleluniversen leben. In Gesellschaften, die über Erfahrungen mit internationalen oder internen Konflikten verfügen, mit Kolonialisierung, Sklaverei oder gravierenden sozialen Spaltungen, wächst die Komplexität. Nach oder während eines akuten Konflikts wird die Geschichte möglicherweise in einer Art gelehrt, die den Krieg in den Bereich der Kultur und Bildung überträgt und so den Frieden und auch das Entwicklungspotenzial von Global Citizenship behindert.

(…) Ein Gefühl für Global Citizenship lässt sich leichter vermitteln, wenn man sich vom vorgegebenen Rahmen umstrittener Darstellungen politischer Gewinne und Verluste löst und andere Bereiche wie zum Beispiel Kunst, Technik und ökologische Entwicklung miteinschließt, die die Verflechtung unserer menschlichen Existenz illustrieren. Nur wenn die Geschichtsvermittlung kritisches Denken und einen mehrperspektivischen Ansatz fördert, kann sie zu einem Bewusstsein für Global Citizenship beitragen. Damit die Vorstellung einer Global Citizenship Verbreitung findet, müssen Kinder die Möglichkeit haben, ihre eigene historische Perspektive zu entwickeln, unabhängig von der Gesellschaft, der sie angehören. (…) 

Global Citizenship – eine kulturelle Technik

(…) Die Menschen müssen Global Citizenship wollen, sie müssen anstreben, Teil des Raumschiffs Erde“ zu werden, um es mit dem durch Richard Buckminster Fuller bekannt gewordenen Begriff zu formulieren. Dieses Streben ist eine kulturelle Technik und nicht nur eine individuelle Tätigkeit: Wünsche und Sehnsüchte werden von Gemeinschaften mit gemeinsamen kulturellen Werten geprägt und prägen sie wiederum selbst; sie verkörpern Konzepte, wie ein Leben in Würde aussehen kann. Wenn sich ein neues weltweites Bewusstsein entwickeln soll, müssen sich alle Kulturen ändern, wir müssen neue Ideen und Vorgehensweisen übernehmen, und die Idee von Global Citizenship muss das Streben nach einer besseren und nachhaltigen Zukunft für alle prägen.

Das ist nur möglich, wenn man die notwendigen Voraussetzungen dafür schafft, dass sich jeder kritisch mit sich und der Welt auseinandersetzt, die er bewohnt. Außerdem müssen die Möglichkeit und die Notwendigkeit bestehen, zu Konzepten von Global Citizenship beizutragen, sie zu hinterfragen und zu überprüfen, unabhängig von Grenzen. Und schließlich muss man darauf achten, dass die Sprache, in der die Konzepte zur Global Citizenship diskutiert, formuliert und definiert werden, keine Barrieren bildet, damit alle gleichermaßen daran teilhaben und dazu beitragen können. Ungleiche Machtverteilung beeinflusst die Fähigkeit von Einzelnen und Gruppen, effektiv zur Identifikation, Entwicklung und Interpretation dessen beizutragen, was als gemeinsame Kultur“ betrachtet werden sollte; ein gemeinsames kulturelles Erbe und Global Citizenship für das Raumschiff Erde“ müssen daher auf der völligen Gleichstellung aller basieren.

Aus dem Englischen von Heike Schlatterer

Farida Shaheed / Foto: CC BY-NC-SA 2.0

Farida Shaheed, geboren in Pakistan, ist Soziologin und Aktivistin für Frauenrechte. Von 2012 bis 2015 war sie Sonderberichterstatterin im Bereich kulturelle Rechte der UN. Sie ist Autorin zahlreicher Publikationen, darunter Two Steps Forward, One Step Back? Women of Pakistan“ und The Other Side of the Discourse: Women’s Experiences of Identity, Religion and Activism in Pakistan“.

Foto: Slava Bowman (CC BY 2.0), via Unsplash 88

Ver­anstal­tung Per­spek­tiven einer Welt­ge­mein­schaft“
Am 26.03.2017 disku­tierten die Menschenrechtlerin Selmin Çalışkan, der Theologe Karl-Josef Kuschel und der Anthropologe Christoph Wulf auf der Leipziger Buchmesse über die Poten­ziale einer Welt­ge­mein­schaft. Zum Nachhören

Global Cit­i­zen­ship. Per­spek­tiven einer Welt­ge­mein­schaft versammelt Beiträge von internationalen Autoren wie z. B. Constanze Kurz, Kenneth Roth, Farida Shaeed oder Hui Wang. Herausgegeben von Roland Bernecker und Ronald Grätz – Göttingen: Steidl, 2017, 192 S. – (Perspektive Außenkulturpolitik) – erscheint demnächst