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EU und UNASUR – Zwei Blöcke mit ausbaufähigen Beziehungen

Von Raimundo Gregoire Delaunoy

Am 24. März 1957 wurde die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, ein Vorläufer der Europäischen Union, mit der Unterzeichnung der Römischen Veträge gegründet. Anlässlich des 60. Jubiläums des europäischen Integrationsprozesses ist es an der Zeit, einen Blick auf die Beziehungen der EU zu anderen Teilen der Welt zu werfen, insbesondere zur Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR).

Denn oft wird erwähnt, dass der südamerikanische Integrationsprozess die EU zum Vorbild hatte. Dafür ist es zunächst wichtig zu verstehen, wie es zur Gründung der UNASUR im Jahr 2008 kam. 

Intergrationprozesse in Südamerika

In Südamerika gab es bereits zuvor Integrationsbündnisse, wie zum Beispiel den Gemeinsamen Markt des Südens (MERCOSUR) oder die Andengemeinschaft (CAN), von denen jedoch keines alle zwölf Länder der Region umfasste. Die einzelnen Staaten Südamerikas waren aber Mitglieder in anderen überregionalen Integrationsbündnissen. Dazu gehören beispielsweise die Karibische Gemeinschaft (CARICOM) und die Lateinamerikanische Integrationsvereinigung (ALADI). Die staatenübergreifende Zusammenarbeit in Südamerika vollzog sich bis zur Gründung der Südamerikanischen Staatengemeinschaft in 2004 (später UNASUR) über zwei Achsen. Die eine Achse wurde durch die Pazifikanrainer (unter anderem Chile und Peru) gebildet, die Mitglieder im CAN sind, die andere durch die Atlantikanrainer und MERCOSUR-Mitglieder wie zum Beispiel Brasilien und Argentinien.

Der Integrationsprozess war zu diesem Zeitpunkt nur durch die geografische Aufteilung in Südamerika bestimmt – politische oder ideologische Motive spielten bis dato keine Rolle. Mit dem Beginn des Endes der Ära des Kalten Kriegs und dem Aufkommen der Bolivarischen Revolution“, ausgelöst 1999 von Hugo Chávez, wurde von den südamerikanischen Staaten der Entschluss gefasst, eine Organisation zu gründen, die alle 12 Länder miteinander verbinden sollte. Zwar waren die Staaten bereits Mitglieder in der 1948 gegründeten amerikanischen Union (die Organisation Amerikanischer Staaten, OAS), diese wurde jedoch durch die USA federführend gesteuert. Ein südamerikanisches Bündnis sollte aber insbesondere die Zusammenarbeit untereinander verstärken. 

Die Gründung der UNASUR war gleichzeitig auch eine Antwort auf die Notwendigkeit, sich in eine neue“ Welt einzufügen: eine globalisierte Welt, in der sich die bipolare Ost-West“-Struktur mit dem Fall des Eisernen Vorhangs aufgelöste hatte und sich ein Paradigmenwechsel in den internationalen Beziehungen vollzog. Dies wurde an der Süd-Süd-Kooperation, dem Aufstreben der BRIC- (später BRICS)Staaten und einer Tendenz zum Multilateralismus sichtbar. Zudem sollte die UNASUR der Fragmentierung in Regionalismen ein Ende setzen. Die Entstehung der UNASUR war anfangs stark ideologisch geprägt. 

Die EU als Vorbild für UNASUR

Welche Rolle spielte nun die EU als Vorbild für den südamerikanischen Integrationsprozess? Die EU und UNASUR unterscheiden sich vor allem hinsichtlich ihres Gründungsgedankens, ihres Entstehungskontextes und ihrer Geschichte. Die Wurzeln der heutigen EU liegen in der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt die Geschichte der EU: 1951 schlossen sich gerade einmal sechs Länder unter dem Dach der EGKS, einem Vorläufer der Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), zusammen. Die Gründung dieser supranationalen Organisation sollte ein Symbol des Friedens in einem durch den Krieg verwüsteten Europa sein. Die UNASUR entstand dagegen als (multilateraler) sozialer Verbund inmitten der Globalisierung und war politisch und ideologisch motiviert. 

Die EU wurde in einer Zeit bedeutender geopolitischer Veränderungen ins Leben gerufen, die noch von den Auswirkungen des Kalten Krieges geprägt war, wohingegen die Weltordnung während der Gründung der UNASUR eher durch ein Nord-Süd-Verhältnis, als durch einen Ost-West-Gegensatz (Kommunismus versus Kapitalismus) gekennzeichnet war. Die geschichtliche Entwicklung der beiden Unionen (EU und UNASUR) unterscheidet sich dadurch, dass die Grundlage für den Europäischen Integrationsprozess, der in der EU mündetet, durch den Zusammenschluss von sechs Staaten gelegt wurde, und sich dadurch auszeichnete, dass im Laufe der Jahrzehnte immer neue Mitglieder dazukamen, während die UNASUR im Wesentlichen aus der Union zweier Staatenbündnisse hervorging (MERCOSUR und CAN).

Die EU diente für die Gründung der UNASUR hauptsächlich als Modell für eine (regionale oder kontinentale) Union, mit dem Ziel ein Bündnis zu schaffen, dass nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Ländern regelt, sondern auch kulturelle Beziehungen pflegt und den verschiedenen Stimmen der Europäer Ausdruck verleiht.

Welche Gemeinsamkeiten haben die beiden Unionen? Und worin unterscheiden sich die beiden Integrationssysteme? Sowohl zur UNASUR als auch zur EU zählen Regionalmächte (Deutschland, Frankreich und Italien in Europa; Brasilien in Südamerika) als auch kleine Staaten zu ihren Mitgliedern, die weniger präsent im weltpolitischen Geschehen sind. Beide Einigungsprozesse gingen über eine rein wirtschaftliche Verbindung hinaus – und intendierten, aus mehreren Staaten ein politisches Bündnis zu schaffen. Grenzen sollten abgebaut und die geopolitischen Interessen gemeinsam und im Sinne des Multilateralismus umgesetzt werden. Die Unterschiede: Die EU entstand in ihren Anfängen aus einem gewachsenen wirtschaftlichen Zusammenschluss, die Gründung der UNASUR zeichnete sich durch einen politisch-ideologischen Beweggrund aus – die Konfrontation mit den Mächtigen im Weltgeschehen. Während die EU schon 24 Jahre existiert, kommt die UNASUR auf gerade einmal 13 Jahre.

Wie sieht es heute aus?

Die EU ist derzeit einer tiefgreifenden Krise ausgesetzt – und mit wirtschaftlichen Probleme, Brexit, Terrorismus, Einwanderung sowie einer Zunahme von Islamophobie und dem Aufstieg der extremen Rechten konfrontiert –, wohingegen die UNASUR sich in einer etwas ruhigeren, wenn auch nicht problemlosen Phase befindet. Gibt es in der EU für die Mitglieder eine Tendenz nationale Souveränität zu Gunsten eines supranationalen Wirkens einzutauschen, hat die UNASUR diesen Schritt noch nicht vollzogen.
Die aktuelle Situation und Entwicklungen in der EU, insbesondere der Brexit oder der Aufstieg europäischer Nationalismen, erregen bei einigen südamerikanischen Regierungen Besorgnis, allerdings zeichnen sich bislang keine größeren Konsequenzen für Südamerika ab. Auch die national-konservativen Strömungen wie z. B. in Polen haben keinen Einfluss auf Südamerika, da konservative Positionen, insbesondere religiöser Art, seit Jahrhunderten in der Region existieren und fortbestehen. Was dagegen für Südamerika und UNASUR relevant werden könnte, ist die Haltung von Donald Trump gegenüber den Völkern und Staaten Lateinamerikas. 

Betrachten wir den kulturellen Bereich der UNASUR, verfügt der Staatenverbund über den Südamerikanischen Kulturrat (CSC). Der Staatenverbund hat interessante Projekte angekündigt (unter anderem Biennalen, Bibliotheken und die Wiederherstellung des Inka-Pfads), wodurch die bestehenden Pläne für eine engere kulturelle Zusammenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit zwischen den Ländern noch erweitert werden soll. Die UNASUR hat festgeschrieben für die Förderung der kulturellen Vielfalt sowie der Ausdrucksformen des Erinnerns, der Kenntnisse und Wissensbestände der Völker der Region zur Stärkung ihrer Identitäten“ einzutreten. 

Eine kulturelle Zusammenarbeit zwischen EU und UNASUR erfolgt allerdings bisher nicht direkt, sondern über Verbindungen zwischen der EU und subregionalen Organisationen (CAN, MERCOSUR, CELAC und andere) sowie über bilaterale Beziehungen zu den südamerikanischen Ländern.

EU und UNASUR sind zwei Blöcke mit ausbaufähigen Beziehungen. Trotz einiger Unterschiede sind die kulturellen Verbindungen enger als vielen bewusst ist. Außerdem handelt es sich um zwei regionale Unionen (oder, wenn man so will, zwei Integrationsbündisse), die sich in vielerlei Bereichen perfekt ergänzen können: Wirtschaft, Ressourcen, Forschung, Bildung, Kultur, Politik oder ihre aktuellen Perspektiven auf die Welt. Zuletzt könnte eine verstärkte Zusammenarbeit helfen, die Beziehungen zu Ländern und Regionen zu verbessern, die bisher weniger im Fokus standen. Hier könnte man zum Beispiel an engere Verbindungen zwischen der Süd-Süd-Kooperation mit der NATO oder der Union für den Mittelmeerraum denken.

Raimundo Gre­goire Delaunoy / Foto: privat

Raimundo Gregoire Delaunoy studierte Soziale Kommunikation an der Universität Diego Portales und absolvierte im Anschluss einen Master in Internationale Studien an der Universität Chile. Er arbeitet als Journalist in Santiago de Chile.

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