Foto: Anne Backhaus

Es war wie ein Albtraum.“

Reportage von Anne Backhaus

Für viele Briten ging mit dem Brexit-Votum das Vertrauen in ihr Land verloren. Seitdem der Ausstieg aus der EU naht, verlassen viele von ihnen Großbritannien oder lassen sich an ihrem Wohnort im Ausland einbürgern. Noch nie zuvor haben so viele Briten einen deutschen Pass beantragt. Sie wollen nicht Teil eines Landes sein, das nein zu einem europäischen Wir“ sagt.

Sam Stinton hat den Moment, der sein Leben veränderte, verschlafen. In der Nacht wurden nach und nach erste Auszählungsergebnisse veröffentlicht. Aus den insgesamt 382 Stimmbezirken. Aus seinem Heimatland, in dem er sein gesamtes Leben verbracht hat. Als Stinton am Freitag, dem 24. Juni 2016 erwachte, sah er auf seinem Handy die Meldungen und konnte es nicht glauben. Großbritannien hatte mit knapper Mehrheit für den Brexit gestimmt. Es war wie ein Albtraum. Wir waren geschockt“, sagt Stinton heute. Meine Frau und ich saßen da, schauten uns an und wussten nichts zu sagen.“ 

So wie ihm ging es vielen Briten. Und so wie er entschieden sich bald auch viele Landsleute nun Deutsche zu werden. Einige von ihnen gehören zu den etwa 106.000 Briten, die bereits in Deutschland leben. Sie fürchten mit dem endgültigen EU-Austritt nicht mehr von der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU profitieren zu können, sondern stattdessen wie Mitglieder von Drittstaaten behandelt zu werden. Bisher ist es noch unklar, wie der Status der insgesamt rund 1,2 Million Briten im EU-Ausland letztendlich verhandelt wird. Sam Stinton, 37, und seine Frau Stephanie lebten allerdings in der Nähe von Reading. Ihre Wahl fiel auf Deutschland, weil Stephanie hier geboren und aufgewachsen war. Einige ihrer Freunde waren überrascht, der Makler nannte das Paar mutig“, aber ihre Entscheidung stand sehr schnell fest. Es war die einfachste und beste Lösung“, sagt Stinton. Wir haben uns wenige Tage nach der Abstimmung entschieden und im Dezember sind wir schon nach Berlin gezogen.“ Stephanie ist Freiberuflerin und kann von überall arbeiten, Sam ist IT-Experte und sucht nun in der deutschen Hauptstadt nach einem neuen Job. Seit Monaten besucht er außerdem jeden Tag einen fünfstündigen Intensivkurs, um möglichst schnell die deutsche Sprache zu lernen.

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Manchmal fühlt er sich noch fremd, vor allem in Alltagssituationen. Im Supermarkt das Gemüse selbst wiegen, das kannte er vorher nicht. Seine Freunde fehlen ihm und der englische Bacon. Doch das Brexit-Referendum hat ihn auch von seiner Heimat entfremdet. Sie haben mit ihrer Leave-Kampagne für eine glorreiche Zukunft geworben, aber das waren Lügen und diese Zukunft hat nichts mit dem freien und offenen Land zu tun, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt Stinton. Vor allem der aufkeimende Rassismus bedrückt mich.“ Auch Stephanie habe sich als Deutsche bald nicht mehr wohlgefühlt, die Stimmung im Land sei gekippt. Das ganze Klima hat sich zum Schlechten verändert.” Tatsächlich stieg bereits kurz nach dem Referendum die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe in Großbritannien an, vor allem Osteuropäer wurden attackiert, bedroht und beleidigt. 

Die offiziellen Angaben bestätigen, dass sich viele wie Sam Stinton nun Deutschland zuwenden. Noch nie zuvor haben so viele Briten einen deutschen Pass beantragt. Die Zahl der Anträge und der Einbürgerungen nahm unter anderem in Hamburg und Teilen Berlins stark zu. 2.865 Briten ließen sich laut dem Statistischen Bundesamt seit dem Entscheid zum EU-Austritt in Deutschland einbürgern. Das sind 2.200 mehr als im Jahr zuvor und es entspricht einem Anstieg von 361 Prozent. Dieser rasante Anstieg hat auch damit zu tun, dass viele den bürokratischen Akt schnell hinter sich bringen wollen – denn so lange die Briten noch EU-Bürger sind, können sie zusätzlich zu ihrem neuen deutschen problemlos ihren alten britischen Pass behalten. Mit dem endgültigen Austritt Großbritanniens aus der EU dürfte es hingegen deutlich schwerer werden, eine doppelte Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Sam Stinton hat noch keinen Antrag gestellt. Er ist zwar mit einer Deutschen verheiratet, müsste aber unter anderem auch einen Einbürgerungstest und einen Sprachtest ablegen. Dafür ist mein Deutsch noch nicht gut genug“, sagt er. Und auf eine Art bin ich auch noch nicht ganz so weit.“ Stinton lebt gerne in Berlin, dort könne er zur Not auch Englisch sprechen – und niemand gehe komisch mit Menschen um, die nicht in Deutschland geboren worden seien. Trotzdem fühlt er sich als Brite. Noch“, sagt er. Es war ja die richtige Entscheidung zu gehen.“ Am nächsten Tag muss er in der Sprachschule ein Referat halten, 30 Minuten auf Deutsch. Das Thema durfte er sich aussuchen. Sam Stinton wird über die Geschichte des deutschen Bieres sprechen.

Foto: Anne Backhaus

Sam Stinton, geboren 1980 in Brighton, hat sein ganzes Leben in Großbritannien verbracht. Er studierte Botanik in Reading und lernte 2010 seine zukünftige Frau in einem Pub kennen. Stephanie war eine Deutsche, die bereits einige Jahre als Übersetzerin in England arbeitete. Nach dem Brexit entschieden sie sich sehr schnell dafür, das Land zu verlassen, da sie sich als Europäer fühlen und auch so leben möchten. Ende 2016 zogen sie nach Berlin, wo Sam Stinton gerade einen Deutschintensivkurs abgeschlossen hat und nach einem Job als Systemadministrator sucht.

Foto: Anne Backhaus

Anne Backhaus ist Autorin und (Multimedia-)Reporterin. Sie wuchs in Norddeutschland auf und schrieb, filmte und fotografierte lange für SPIEGEL ONLINE. Für ihre Reportagen und Interviews reist sie um die ganze Welt. Derzeit lebt sie in Hamburg und München und arbeitet unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Magazine, Online und TV.