Foto: Jelena Schunkina

Es ist an der Zeit, neue Pläne zu schmieden.“

Jelena Schunkina im Gespräch mit Simone Brunner

2014 floh die Fotografin Jelena Schunkina vor den Auswirkungen des Ukraine-Konflikts aus der Ostukraine in den Süden des Landes. Im Interview spricht sie über den Verlust der Heimat, die Situation und Wahrnehmung von Binnenflüchtlingen in der ukrainischen Gesellschaft und wie sie mit ihren Fotoprojekten versucht, Vorurteilen zu begegnen.

Bis heute hat der Krieg, der 2014 in den prorussischen, selbsternannten Volksrepubliken Donezk“ und Luhansk“ im Osten des Landes ausgelöst wurde, rund 1,8 Millionen Menschen in die Flucht gezwungen. 1,64 Millionen davon suchten Schutz innerhalb der ukrainischen Staatsgrenze; in größeren Städten wie Charkiw oder in den südlichen Gebieten. Aktuell gehört die Ukraine weltweit zu den zehn Staaten mit den meisten Binnenflüchtlingen. Trotz eines 2015 unterzeichneten Waffenstillstandsvertrags („Minsk II“) zwischen den Regierungschefs der Ukraine, Russland, Deutschland, Frankreich und den Separatistenführern haben die Waffen seit Ausbruch des Krieges nie geschwiegen.

Vor fast drei Jahren, als Donezk unter Kontrolle der Separatisten geriet, sind Sie geflohen und in die südukrainische Stadt Krywyj Rih gezogen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Im Frühling 2014 wurden die ersten administrativen Gebäude in der Stadt besetzt. Das hat mich sehr beunruhigt, da ich selbst an pro-ukrainischen Demonstrationen teilgenommen habe. Ich wollte immer, dass Donezk eine ukrainische Stadt bleibt. Wir sind gegangen, bevor es aktive Kampfhandlungen gegeben hat. Mein Mann unterrichtete an der Handelsuniverstität in Donezk, und die Hochschulverwaltung hat entschieden, die Hochschule zu evakuieren und nach Krywyj Rih zu verlegen. 

Konnten Sie in Krywyj Rih inzwischen eine neue Heimat finden?

Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass ich hier mein ganzes Leben verbringen werde. Früher dachte ich: Wenn Donezk wieder unter ukrainischer Kontrolle ist, dann werde auch ich zurückkehren und mithelfen, meine Heimatstadt wieder aufzubauen. Aber je mehr Zeit vergeht, desto weniger Hoffnungen habe ich. Mittlerweile träume ich davon, in einer größeren Stadt, in Lwiw im Westen oder in Kiew, zu leben. Aber das sind vorerst Träume, keine Pläne, da die Wohnungen dort sehr teuer sind.

Zenja und Sascha aus Donezk verbringen ihre Kindheit nun in einem Dorf  der Oblast Dnipropetrovsk . Vom Spielen hält auch der Konflikt sie nicht ab.
Zenja und Sascha aus Donezk verbringen ihre Kindheit nun in einem Dorf der Oblast Dnipropetrovsk . Vom Spielen hält auch der Konflikt sie nicht ab.
Ihr Vater Alexej macht eine Verschnaufpause. Vor der Flucht aus Donezk meldete er sich als Freiwilliger und diente im Bataillon „Dnepr-1“. In seiner Freizeit renoviert er  das neue Haus in Dnepropetrovsk, wo er mit seiner Familie  wohnt.
Ihr Vater Alexej macht eine Verschnaufpause. Vor der Flucht aus Donezk meldete er sich als Freiwilliger und diente im Bataillon Dnepr-1“. In seiner Freizeit renoviert er das neue Haus in Dnepropetrovsk, wo er mit seiner Familie wohnt.

Binnenflüchtlinge spielen in Ihrer fotografischen Arbeit eine wichtige Rolle. Im Rahmen des Projektes Fremde Heimat – Flüchtling im eigenen Land“, das 2015 von n-ost und dem ifa gefördert wurde, haben Sie Binnenvertriebene porträtiert. Was hat Sie daran interessiert?

Zu Beginn des Krieges wurden Flüchtlinge stark stigmatisiert. Es gab dieses Klischee, dass sie pro-russisch eingestellt, faul und passiv sind, und ihre Heimat nicht gegen die Separatisten verteidigen. Die Leute haben ihnen weder Wohnungen noch Arbeit gegeben. Ich habe sie porträtiert, um andere Geschichten über sie zu erzählen; sie als Menschen vorzustellen, die etwas Nützliches für die Gesellschaft tun. Mir war es wichtig zu zeigen, dass auch sie Ukrainer sind, so wie die Bewohner anderer Gebiete auch. 

Das heißt, Sie versuchen mit Ihrer Arbeit Vorurteile abzubauen?
Ja, inzwischen sind die Menschen Binnenvertriebenen gegenüber offener geworden. Ich denke, dass Projekte wie dieses auch dazu beigetragen haben. Meine Fotografien wurden in Ausstellungen in allen großen Städten der Ukraine gezeigt. Mit einer einzigen Ausstellung lassen sich Stereotype natürlich nicht überwinden, aber mit den Fotoserien kann man eine Botschaft vermitteln und Schritt für Schritt etwas bewegen. 

Gibt es denn etwas, das die Geschichten, die Sie gesammelt haben, gemeinsam haben? 

Die Menschen, die ich porträtiert habe, sind fleißig und strebsam. Sie nehmen nicht die Position des Opfers ein, sie bleiben nicht stehen. Wie es einer meiner Protagonisten ausgedrückt hat: Unsere Situation hat uns gezwungen, aktiv zu werden. Es ist klar, dass niemand anderes etwas für dich machen wird. Du kannst dich nur auf dich selbst verlassen.“

Vardan kam 2015 aus Donezk und eröffnete in Charkiw einen Metallverarbeitungsbetrieb, wo er heute zehn Mitarbeiter beschäftigt: Ansässige und Einwanderer.
Vardan kam 2015 aus Donezk und eröffnete in Charkiw einen Metallverarbeitungsbetrieb, wo er heute zehn Mitarbeiter beschäftigt: Ansässige und Einwanderer.

Spiegelt das auch ihre Position als Binnenvertriebene wider?

Ja, natürlich! Heute weiß ich, dass man sich selbst weiterentwickeln muss, jeden Tag. Ich habe ja selbst an pro-ukrainischen Aktionen in Donezk teilgenommen. Ich habe ganz bewusst die ukrainisch-kontrollierten Gebiete als meine Heimat gewählt, weil mir Donezk, als es von den pro-russischen Separatisten besetzt wurde, fremd geworden ist. Und als ich nach Krywyj Rih gekommen bin, war ich das erste Mal mit den negativen Reaktionen auf Binnenflüchtlinge und ihrer stigmatisierten Darstellung in den sozialen Medien konfrontiert. Das war ein Schock. Mir ist klar geworden, dass ich nur auf mich selbst hoffen kann.

Macht der ukrainische Staat zu wenig, um die Flüchtlinge zu unterstützen?

Auch heute gibt es immer noch keine nationalen Hilfsprogramme für Flüchtlinge. Als der Krieg 2014 ausbrach, half der Staat weder bei den Evakuierungen, noch wurden Informationen bereitgestellt. Deswegen habe ich damals in den sozialen Netzwerken eine Gruppe gegründet, um jene zu unterstützen, die enttäuscht sind und womöglich denken, dass der ukrainische Staat sie gar nicht braucht. Die Gruppe Wir sind aus dem Donbass – Selbsthilfe“ versucht, den Binnenvertriebenen mit allen Mitteln zu helfen und Informationen bereitzustellen. 

Perspektive” steht auf der Anzeige in einer Straßenbahn von Charkiw. Sie wirbt für die Unterstützung von Flüchtlingen aus der Ostukraine. Einer von ihnen ist Wanja.
Wanja kommt aus Luhansk. In Charkiw läuft er oft einfach nur durch die Stadt, schlendert durch Straßen und Bahnhöfe.
Wanja kommt aus Luhansk. In Charkiw läuft er oft einfach nur durch die Stadt, schlendert durch Straßen und Bahnhöfe.
Vladik kam mit seiner Großmutter nach Charkiw. Sie wollen nach Polen zu Freunden auswandern. Dabei werden sie von Ehrenamtlichen der Organisation „Station Charkiw“ unterstützt. Vladiks Eltern sind beide gestorben.
Vladik kam mit seiner Großmutter nach Charkiw. Sie wollen nach Polen zu Freunden auswandern. Dabei werden sie von Ehrenamtlichen der Organisation Station Charkiw“ unterstützt. Vladiks Eltern sind beide gestorben.
Auch die 19-jährige Mila lebt mit ihrer kleinen Tochter Milana in einer sozialen Herberge in Charkiw. Sie verließ die Separatistenzone, kurz bevor Milana zur Welt kam. Ihr Mann kam im umkämpften Gebiet um.
Auch die 19-jährige Mila lebt mit ihrer kleinen Tochter Milana in einer sozialen Herberge in Charkiw. Sie verließ die Separatistenzone, kurz bevor Milana zur Welt kam. Ihr Mann kam im umkämpften Gebiet um.

Ihren Fotografien vermitteln einen gewissen Optimismus. Wie optimistisch sehen Sie selbst Ihre Zukunft?

Hier in Krywyj Rih haben sich für mich neue Möglichkeiten und Kontakte eröffnet, weshalb ich die nächsten Jahre vorerst hier bleiben werde. Ich möchte ein Fotostudio eröffnen und ein bis zweimal im Monat Porträt- oder Hochzeitsaufträge in Kiew, Dnipro oder Lwiw übernehmen. Nach Donezk werde ich wohl nicht mehr zurückkehren. Obwohl ich diese Stadt so sehr liebe, ist es an der Zeit, neue Pläne zu schmieden. 

Tanja kam mit ihrem Sohn Bogdan nach Krywyj Rih, wo der Vater des Kindes lebt. Dass er bereits verheiratet ist, erfuhr sie erst nach ihrer Ankunft. Dennoch ist sie glücklich. Auf Ukrainisch bedeutet Bogdan „von Gott gegeben“.
Tanja kam mit ihrem Sohn Bogdan nach Krywyj Rih, wo der Vater des Kindes lebt. Dass er bereits verheiratet ist, erfuhr sie erst nach ihrer Ankunft. Dennoch ist sie glücklich. Auf Ukrainisch bedeutet Bogdan von Gott gegeben“.

Alle Fotografien © Jelena Schunk­ina

Jelena Schunkina / Foto: privat

Jelena Schunkina wuchs in Donezk in der Ostukraine auf. Seit 2011 arbeitet sie als Fotografin. Im Dezember 2014 floh sie mit ihrem Mann und ihrem Kind in die Großstadt Krywyj Rih. Seitdem widmet sie sich in ihren Fotoprojekten dem Leben von Binnenflüchtlingen in der Ukraine.

Simone Brun­ner ist freie Autorin mit den Schw­er­punk­ten Ukraine, Rus­s­land und Belarus.

© Jelena Schunkina

Lost at Home? Geschichten von Binnenflüchtlingen in der Ukraine
In ihrem Langzeitprojekt porträtiert Jelena Schunkina Binnenflüchtlinge in der Ukraine. Ausgangspunkt war das Projekt Fremde Heimat – Flüchtling im eigenen Land, eine Kooperation des ifa und n-ost.