Foto: Florian Bachmeier / n-ost

Eine Kultur vergreist, wenn sie sich gegenüber Fremdem verschließt

Jean-Luc Nancy im Gespräch mit Franziska Dübgen

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy wendet sich in seinen Schriften gegen die Vorstellung eines Kampfs der Kulturen und fordert dazu auf, die demokratische Gemeinschaft als Koexistenz des Heterogenen zu begreifen. Nur durch das unaufhörliche Begehren, Fremdes zu entdecken und kennenzulernen, erneuert sich eine Kultur.

In Ihrem Essay Singulär plural sein” argumentieren Sie, dass unsere Existenz stets Koexistenz mit anderen bedeute und nicht unabhängig von diesem Mit-Sein” gedacht werden könne. Wer sind diese anderen, durch die sich unsere Existenz konstituiert?

Die anderen sind zunächst dieselben. Lassen Sie es mich so erklären: Ein Individuum existiert niemals allein, sondern stets durch und mit anderen Individuen, die von der gleichen Gattung sind und ihm zu seiner Existenz verhelfen. Aber es gibt auch multiple Gattungen, nah und fern, zu denen wir in unzähligen Verbindungen stehen. Ein völlig isoliertes Individuum wäre einfach nicht überlebensfähig.

Das Mit” ist die grundlegende Bedingung unserer Existenz

Sie plädieren für die Erschaffung einer neuen Welt”, einer Welt ohne exkludierende und totalisierende Grenzziehungen, auf der Basis dieses Mit-Seins”. Sollten wir nicht aufgrund der Ankunft der zahlreichen Geflüchteten in Europa darüber nachdenken, unser Recht, insbesondere in Bezug auf Bürgerschaft und Asyl, neu zu verhandeln?

Aber selbstverständlich! Es gab von jeher eine Vielzahl an Migrationsströmen, Vermischungen von Völkern und Transformationsprozessen innerhalb von Völkern. Das Mit” ist eine grundlegende Bedingung, welche die Möglichkeit sowohl der Feindschaft als auch der Kameradschaft eröffnet. Diese Ambivalenz ist ursächlich für die Notwendigkeit von Gesetzen, von Beziehungssystemen, der Erschaffung neuer Welten. Welten, Kulturen, Gesellschaften, Sitten, Bräuche sind immer multiple und veränderbare Formen, die das Mit” ermöglichen.

Zurzeit erleben wir einen Aufschwung national-konservativer Parteien, die für Homogenität und Tradition plädieren. Welches sind die größten Hürden, die es innerhalb der europäischen Kulturen zu überwinden gilt, um sich den Herausforderungen einer neuen Heterogenität zu stellen, sie als Bereicherung zu erkennen und nicht als Bedrohung?

Es gibt es nur ein Hindernis: die Angst. Man hat immer Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten, sprich dem Beunruhigenden. Das ist völlig normal. Die Angst kann sich jedoch in ein Überlegenheitsgefühl übersetzen, nach dem Motto: Ich bin hier der Herr im Haus und besser als du.” Um diese Angst zu überwinden, hilft kein moralischer Imperativ (wie Liebt euch!”), sondern allein das Verlangen nach neuen Erkenntnissen. Dieser Wunsch nach Entdeckungen und neuen Erfahrungen ist Teil einer Dynamik, die Sinn hervorbringt. Kinder zu haben, erzeugt beispielsweise diesen Elan, und die Kinder werden selbst auf ihre Art zu Fremden. Auch Sprachen zu lernen oder neue ästhetische Gefühle zu erproben, ist Ausdruck dieses Begehrens – eines Begehrens, das Kulturen und Zivilisationen überhaupt erst erschafft. Und wenn eine Zivilisation vergreist, verliert sie an Schaffenskraft, sie verschließt sich und wird ängstlich, ja hasserfüllt.

Die einzige Hürde ist die Angst

Wenn wir die Demokratie als die Koexistenz von Verschiedenartigem begreifen, worauf sollten wir unsere Solidarität mit anderen gründen, und wie entscheiden wir, mit wem wir uns solidarisch zeigen sollten und mit wem nicht?

Kein Zweifel, wir bedürfen einer neuen Zivilisation. Wir sind dabei, eine neue Welt zu erschaffen. Ihre wesentliche Neuheit besteht in ihrem weltumfassenden Charakter: in der allgemeinen Kommunikation ebenso wie in der generellen Abwesenheit von Formen (ich meine eigenständigen und fest verankerten Formen in den Sitten, Künsten, Mythen und Werten) und in einer allgemeinen Trans-formation. Das muss uns zu denken geben, und zwar im ganz praktischen und fruchtbaren Sinne: Einmal mehr fragt sich die Menschheit, wer sie ist und was sie aus der Welt macht. Sie kann darauf zumindest antworten, dass sie noch nie auf diese Art und Weise koexistiert hat. Niemals war sie aufgrund technischer Möglichkeiten und vielfältiger Interaktionsformen de facto so solidarisch. Und noch nie war sie so solidarisch mit der Natur und dem Kosmos. Es gibt eine tatsächliche Demokratie”, auch wenn unsere allgemeine Verbundenheit zur gleichen Zeit enorme Machtunterschiede hervorbringt. Wenigstens müssen und sollten wir denken, dass wir dies alles selbst bewirkt haben. Das erlaubt uns sicherlich nicht, irgendwelche Entscheidungen zu treffen! Entscheiden” ist eine Illusion. Der Beweis: Alles wurde durch uns, aber ohne uns entschieden. Niemand hat sich für den Kapitalismus, den Kolonialismus oder das Penizillin entschieden …

© Stephanie Kiwitt

Jean-Luc Nancy ist einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Université Marc Bloch in Straßburg und war Gastprofessor in Berkeley, Irvine, San Diego (University of California) und Berlin.

Franziska Dübgen ist Philosophin und lehrt an der Universität Kassel.