Foto: Sabelo Mlangeni

Die Kamera ist ein Türöffner“

Sabelo Mlangeni im Gespräch mit Anne Haeming

Die Ungesehenen ans Licht holen: Der südafrikanische Fotograf Sabelo Mlangeni widmet sich in seinen Langzeitserien Country Girls” oder Men Only” marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen wie Homosexuellen auf dem Land oder Wanderarbeitern.

Herr Mlangeni, Sie bezeichnen sich nicht Fotograf oder Künstler. Wieso?

Sabelo Mlangeni: Stimmt, ich sehe mich als Camera Man”. Das hat damit zu tun, wie ich zur Fotografie kam. Als ich aufwuchs, gab es in Südafrika in jeder Township, in jedem Dorf einen Street Photographer”. Man nannte ihn Camera Man”. Jeder kannte ihn, denn er war Teil der Gemeinschaft, streifte herum und dokumentierte das Leben, machte Fotos von Familien, wurde für Hochzeiten und andere Feiern angeheuert. So kam ich auch zu meinem ersten Auftrag.

Was war das für einer?

Eine Hochzeit in Ermelo, ein Dorf in der Nähe meines Heimatortes Driefontein – aber eine Hochzeit von zwei Männern. Einer der beiden ist ein alter Freund, er kam auf mich zu und bat mich, die Feier zu dokumentieren, mit den Worten: Ich vertraue Dir – keiner aus meiner Familie darf die Bilder sehen.” Ich bin auch lesbisch”, so definiere ich mich selbst, also war ich auf zwei Ebenen Teil dieser Gemeinschaft.

In der Stadt waren damals Transgender und Crossdressing schon nicht mehr ungewöhnlich, aber auf dem Land waren die Verhältnisse anders. Es war, als würden meine Freunde und ich damit Grenzen austesten und als wäre es ein Kampf, unseren Raum zu erobern. Von der Hochzeit wussten dann aber auch ohne meine Bilder schnell alle Bescheid und es war okay, das Paar kann offen miteinander leben. Weil ich in dieser Community ein- und ausgehe, nahm ich irgendwann meine Kamera mit und begann, meine Freunde in ihrem Alltag zu fotografieren. 

So entstand Ihre Serie Country Girls”.

Diese Arbeit ist mir bis heute am wichtigsten. Sie umfasst zwar offiziell den Zeitraum 2002 bis 2009, aber ich mache weiter Fotos, wenn ich da bin. Es ist nie leicht, einfach aufzuhören, gerade bei dieser Gemeinschaft zuhause.

Alle Fotografien © Sabelo Mlangeni


Bei Country Girls” trägt jedes Bild den Namen seiner Protagonistinnen aus der Cross-Dressing-Community: Madlisa”, Mandla”. Auch bei Men Only” über die Wanderarbeiter, die in Hostels leben, und Invisible Women” über die Frauen, die nachts die Städte reinigen, ist das so. Sie zeigen Menschen, die sonst übersehen werden. Wollen Sie mit Ihren Bildern die Unsichtbaren als Teil der Gesellschaft sichtbar machen?

Für mich sind diese verschiedene Lebenssituationen exemplarisch dafür, wie sich die Geschichte der Apartheid noch in der heutigen Zeit wiederspiegelt. Du wachst morgens in Johannesburg auf, gehst auf die Straße – und sie ist sauber. Die, die sie gereinigt haben, siehst Du nie. Meine Mutter und meine Tante fuhren in Townships wie zum Beispiel Soweto, um Besen zu verkaufen, mein Vater lebte in solchen Wanderarbeiter-Hostels, ich bin mit diesen Momenten also aufgewachsen. Es geht mir darum, unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Zudem sind alles Langzeitserien. Wieso ist Ihnen das so wichtig?

Ich will nicht einfach reingehen, knipsen, wieder verschwinden. Ich will verstehen. Und je mehr Zeit Du mit diesen Menschen verbringst, desto unsichtbarer wirst Du als Fotograf, das ist elementar. Aber ich ringe mit der Frage, wie ich mit ihrem Vertrauen umgehen kann. Sie lassen mich in ihre Privatsphäre, lassen mich Teil ihrer Gemeinschaft sein – und irgendwann ist meine Arbeit zu Ende und ich gehe wieder. Auch wenn das, wie etwa bei Only Men”, nach zweieinhalb Jahren schwer fällt.

Sie sagen, Sie werden unsichtbar – ob das klappt, hängt auch von der Wahl der Kamera ab. Welche benutzen Sie?

Eine zweiäugige Mamyia, das ist eine analoge Spiegelreflexkamera aus den 1970ern. Damit kann ich fotografieren, ohne sie mir vors Gesicht zu halten, das hilft. Aber vor allem ist sie eine Brücke, sie lässt mich ins Gespräch kommen. Gerade bei den skeptischen Wanderarbeitern änderte sie alles: Die Jüngeren kamen und kommen auch heute auf mich zu und wollen wissen, was das ist, die Älteren sagen: Die Dinger gibt’s noch?”. Und auf einmal luden mich alle in ihre Hostelzimmer ein, damit ich sie porträtieren kann und gewährten mir einen Einblick in ihre Lebenssituation.

Dass Ihre Kamera alles änderte, sagten Sie auch einmal über Ihre andere Langzeitreihe Big City”. Wie meinten Sie das?

Als ich vom Land nach Johannesburg zog, tat ich mich am Anfang schwer. Also zog ich los und fotografierte Gebäude – ich bin eigentlich schüchtern, das fiel mir anfangs leichter als auf Menschen zuzugehen. So wurde die Kamera mein Werkzeug, um in der Stadt anzukommen und sie zu verstehen. Und somit Teil von ihr zu werden.

Foto: privat

Sabelo Mlangeni, geboren 1980 in Driefontein, wuchs in der Provinz Mpumalanga im Nordosten Südafrikas auf. 2001 zog er nach Johannesburg und machte 2004 auf der Fotografieschule Market Photo Workshop” seinen Abschluss. In seinem Heimatland machte er viele Langzeitserien über verschiedene gesellschaftliche Gruppen. Zuletzt reiste er durch Europa und stellt nun die dort entstandenen Arbeiten für eine neue Ausstellung zusammen.

Anne Heaming ist freie Kultur- und Medienjournalistin in Berlin.