© André Lützen

Die Kälte hat einen Vorteil“

Fotografien von André Lützen

Wenn der Winter sechs Monate dauert, minus 20 Grad Celsius normal sind, spielt sich das Leben drinnen ab: Wie die Bevölkerung im russischen Archangelsk lebt, hat der Hamburger Fotograf André Lützen dokumentiert. In seiner Reihe Inside/​Out“ zeigt er, wie sich extreme Klimaverhältnisse auf das Alltagsleben auswirken.

Herr Lützen, Ihre Serie Zhili Byli“ dokumentiert das Leben in Archangelsk, einer Stadt im Nordwesten Russlands, kurz vor dem Polarkreis, wo Sie Ihre Werkreihe Inside/​Out“ begannen. Wie kamen Sie ausgerechnet dort hin?

André Lützen: Das war Zufall. Ich saß an einem Langzeitprojekt über europäische Grenzregionen, mir fehlte der Nordosten. Und dann wurde mir vorgeschlagen, im Rahmen eines Stipendiums der Robert-Bosch-Stiftung vier Wochen dort zu verbringen. Als ich im März ankam, herrschten minus 20 Grad, der Winter dauert dort sechs Monate und länger. Ich fragte mich: Wie lebt man damit, wie richtet man sich ein? 

Und, wie?

Als erstes fällt auf, dass alles sehr grau ist. Es gibt entweder Plattenbauten oder alte russische Holzhäuser. In den Wintermonaten verbringen alle mehr Zeit in den Innenräumen. 

Auf vielen Fotos sieht man, dass die Menschen, die Sie zuhause besuchten, ihre Wohnungen mit vielen Deckchen und Gegenständen dekoriert haben, auf einem hängt sogar ein Teppich an der Wand. Als würde man es sich extra gemütlich machen wollen.

Der Teppich an der Wand dämmt auch, er hält die Wärme. Diese Art der Wärmeisolierung ist mittlerweile zur Tradition geworden. Ihr Alltag unterscheidet sich nicht wesentlich etwa von dem in Deutschland, es herrschen nur außergewöhnlichere klimatische Bedingungen.
Sonntags kommt die Familie zusammen, die jungen Leute besuchen sich gegenseitig, treffen sich abends bei einem Zuhause und feiern.

Alle Fotografien © André Lützen

Gibt es besondere Rituale, wie etwa in Skandinavien, wo man bei Sauna oder Fika“ zusammenkommt?

Nein. Aber mein Einblick in das Leben dort ist natürlich davon geprägt, dass ich zu Besuch war. Man hat mich bewirtet, eingeladen. Man war neugierig. Dorthin verirren sich wenig Fremde, es gibt da keine Besucherströme. 

Ein Foto zeigt eine Frau mit einem Tattoo auf dem Rücken. Was steckt dahinter?

Sie sagte, es seien Zeilen von Mark Twain, We carry the scars of love“ steht darüber. Dabei spricht sie selbst kein Wort. Aus einer westlichen Perspektive mag man denken, ohne Englisch sind die Menschen dort aus dem globalisierten Kulturraum ausgeschlossen. Dabei ist der Schatz ihrer eigenen Kultur riesig, es gibt alle Gegenstücke, die zur westlichen Popkultur gehören, sogar ein russisches Facebook. Ich fand viel interessanter festzustellen, dass ich auf einmal der war, der außerhalb stand; von der Musik etwa verstand ich kein Wort. 

Da sich das Leben nicht wie anderswo draußen auf Plätzen abspielt: Hatten Sie den Eindruck, den Bewohnern fehlt etwas?

Nein, ich hatte nicht das Gefühl, dass sie einsam oder unglücklich sind. Übrigens auch nicht an den anderen Orten meiner Serie Inside/​Out“, in der ich zeige, wie das Klima die Lebensräume prägt. Sei es der Winter in Archangelsk, die Feuchtigkeit des Monsuns in Südindien oder die Hitze in Hanoi. Überall ziehen sich die Menschen in ihre Räume zurück. Die Hitze ist erdrückend, in den Regen und die Kälte will auch keiner raus. Aber einen Vorteil hat die Kälte doch.

Welchen?

Archangelsk liegt am Weißen Meer, der Fluss durch die Hafenstadt ist einen Kilometer breit und friert im Winter zu. Für die Bevölkerung gibt es dann einen Holzpfad über die schmale Fahrrinne, im Dunkeln beleuchten Baustrahler den Weg: eine Abkürzung, über die sich alle freuen. Denn im Sommer müssen sie eine Stunde außenrum über die regulären Brücken, um auf die andere Seite zu kommen – im Winter brauchen sie nur halb so lang.

Foto: privat

André Lützen hat Freie Kunst und Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert und ein Jahr am International Center of Photography in New York verbracht. Seit 2002 gibt er regelmäßig Fotografie-Workshops für Goethe-Institute weltweit und hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter den Preis der Töpfer-Stiftung. Er arbeitet als freischaffender Fotograf in Hamburg.

Das Interview führte Anne Heaming. Sie arbeitet als freie Kultur- und Medienjournalistin in Berlin.