© Abaca/​MAXPPP/​dpa

Der andere wird nicht mehr als Mensch gesehen.“

Alfred Grosser im Gespräch mit Michael Neubauer

Zum zweiten Mal in Frankreichs V. Republik hat es ein rechtsextremer Präsidentschaftskandidat in die Stichwahl geschafft. Der Politologe Alfred Grosser sieht Parallelen zum US-Wahlkampf, kritisiert den ständigen Fingerzeig der Front-National-Politiker auf andere und ist sich sicher, wer der nächste Präsident werden wird.

Marine Le Pen hat es in die Stichwahl geschafft. Wie erklären Sie sich das Erstarken des Front National?

Man sollte nicht nur den Wahlerfolg des Front National thematisieren. Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon vertritt teilweise ähnliche Vorstellungen wie Marine Le Pen, gerade was den Frexit angeht. Die extrem rechte und extrem linke Partei kommen gemeinsam auf rund 40 Prozent der Stimmen – das ist sehr viel. Wir erleben in Frankreich etwas, was Amerika mit Donald Trump erlebt hat: Selbst wenn bewiesen ist, dass das, was solche Kandidaten sagen, falsch ist, glauben viele Menschen daran. Etwa, dass Frankreich aus der EU austreten und den Franc wieder einführen kann – und das Land diese Schritte wirtschaftlich übersteht. 

Le Pen hat siebeneinhalb Millionen Stimmen bekommen. Wie hat sie das geschafft?

Die hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich ist ein Grund. Gerade in Regionen, wo die Industrie weggebrochen ist, haben viele Le Pen gewählt. Ich halte es für ein kleines Wunder, dass in Deutschland im Ruhrgebiet die rechtspopulistische Partei AfD nicht sehr stark ist. Das liegt auch daran, dass die Bundesrepublik eine nationalsozialistische Vergangenheit hat. Eine rechtsextreme Partei kann dort nicht derart erstarken, wie es derzeit in Frankreich geschieht. 

Wie sehr profitiert der Front National vom Terrorismus und dem Thema Immigration?

Der Terrorismus spielt vermutlich nicht so eine große Rolle. Le Pen sagte, wenn sie an der Macht gewesen wäre, hätte es die Anschläge nicht gegeben. Das ist natürlich Unsinn, das glauben nicht einmal ihre Anhänger. Was allerdings stark zu ihrem Erfolg beiträgt, ist die Fremdenfeindlichkeit. Ich bedaure es sehr, dass sich die Kirche in Frankreich nicht hart genug gegen Fremdenfeindlichkeit äußert. In Deutschland hat Kardinal Reinhard Marx deutlich gesagt, man könne nicht gleichzeitig christlich und fremdenfeindlich sein. 

Arbeiten mit diffusen Ängsten

Marine Le Pen betont in ihren Reden stark das nous” (wir) und eux” (sie). Welche Wähler fühlen sich angesprochen von diesem Gegensatz?

Es sind vor allem die Franzosen, die sich benachteiligt fühlen. Und die Wähler, die diffuse Ängste haben: In den reichen Weingegenden des Elsass zum Beispiel gibt es kaum Arbeitslose und Fremde – und dennoch wählt man dort stark den Front National. Die Menschen denken: Es könnte ja etwas geschehen. Wir haben es hier also nicht mit Ängsten vor etwas Konkretem zu tun, sondern mit Ängsten an sich. 

Auf Le Pens Wahlveranstaltungen rufen die Menschen On est chez nous” (Wir sind bei uns, wir haben hier das Sagen).

Die anderen, das sind die Moslems und Migranten. Es geht auch gegen die Deutschen, von denen man sich nichts vorschreiben lassen will und die man kritisiert, weil sie so viele Flüchtlinge aufgenommen haben. Es wird nicht mehr differenziert, dabei darf man nicht vergessen, dass viele Franzosen, die selbst für Flüchtlinge eintreten, die deutsche Haltung bewundern. 

Wir gegen die anderen‘

In Ihrem aktuellen Buch Le Mensch“ warnen Sie genau vor so einem Fingerzeig auf andere. Wie erklären Sie sich, dass solche sprachlichen Mechanismen und eine national-konservative Identitätspolitik derzeit so einen hohen Zuspruch erfahren?

Viele wollen nicht anerkennen, dass diese anderen, auf die sie mit dem Finger zeigen, auch Menschen sind. Die anderen sind die Bösen und Bedrohlichen, deswegen können wir gut sein. Die da‘ sollte deshalb nicht gebraucht werden: Die Juden, die Einwanderer, die Moslems, die Araber, die Katholiken, die Ärzte, die Deutschen und so weiter. Jedes Mal, wenn die’ verwendet wird, ist die Folge ein wir gegen die anderen’. Es müsste vielmehr heißen: Die einen in dieser Gruppe sind so, die anderen eben anders. Gerade in der Flüchtlingsdebatte wird der andere nicht mehr als Mensch gesehen. Die jüdischen Verbände machen das übrigens besonders stark: Für sie sind wir’ alle diejenigen, welche Israel nicht kritisieren. Wer dagegen etwa Israels Siedlungspolitik kritisiert, ist ein Antisemit. Das wird auch mir vorgeworfen. Wenn ich dann von meinen vier jüdischen Großeltern und zwei jüdischen Eltern erzähle, muss ich mir sagen lassen: Das ist der Selbsthass. Dabei mag ich mich eigentlich ganz gern (lacht).

Viele rechts-nationale Parteien in Europa versprechen ein homogenes nationales Wir’. Kann es das denn überhaupt geben?

Es ist ein Versprechen, das tatsächlich viele für möglich halten. Dabei wissen doch gerade viele Franzosen, dass sie nicht nur französische Vorfahren haben und dass Frankreich seit langem ein Einwanderungsland ist. Aber nationalistische Kräfte haben immer schon so gearbeitet. Was einst die Juden waren, sind heute die Muslime – dabei sind Millionen von Muslimen in Frankreich und Deutschland gut integriert. Man sollte sich nur mal die Städte anzuschauen, in denen der Front National bereits den Bürgermeister stellt. Der Front National betreibt eine rückwärts gewandte, menschenfeindliche Politik. Sie streichen Zuschüsse für Minderheiten, für zeitgenössische Projekte und Kultur. Das erinnert mich an den Nationalsozialismus. 

Hoffnungsträger Emmanuel Macron

Der 39-jährige Kandidat Emmanuel Macron will jenseits des bisherigen Parteiensystems die Franzosen in der Mitte einen. Wie schätzen Sie sein Projekt ein im derzeit sehr zerrissenen Frankreich?

Zunächst war ich erstaunt, dass Le Pen weniger Stimmen bekommen hat als Macron. Das lag vermutlich daran, dass sie in den vergangenen Wochen immer aggressiver aufgetreten ist. Emmanuel Macron dagegen ist für einen Zusammenschluss aller Franzosen. Er versucht, Probleme anders anzugehen, etwa in den sogenannten Banlieues. Er will erfahrene Lehrer für ein doppeltes Gehalt dorthin schicken und die Schulen dort besser ausstatten. Denn nur mit mehr Förderung gehen uns diese jungen Menschen nicht verloren. Ich habe für Macron geworben und ihn gewählt. Seine enorme Bewegung En marche“ wird völlig unterschätzt. Sein Wir ist ein Wir der Offenheit zur Welt, ein Ja zu Europa und zur deutsch-französischen Freundschaft. Die Ultra-Nationalistin Le Pen dagegen will die Grenzen schließen und Trump-Politik machen. Das Gute ist, dass im Wahlkampf nun endlich die EU ein großes Thema ist. Dank Marcon gibt es nach dem Brexit einen französischen Lichtblick für Europa. Ich hoffe übrigens sehr, dass die EU gegenüber Großbritannien hart bleibt. Und dass Schottland unabhängig wird. 

Wer wird gewinnen im zweiten Wahlgang am 7. Mai?

Ich kann die deutschen Ängste nicht verstehen, dass Marine Le Pen es schaffen könnte. Emmanuel Macron wird Präsident werden mit rund 60 Prozent der Stimmen. Es gab ja schon nach dem ersten Wahlgang Glückwünsche aus Brüssel und Berlin. Aber die EU darf jetzt nicht nur Es lebe Macron’ rufen. Er braucht auch Rückhalt von seinen europäischen Partnern, man wird ihm politisch entgegenkommen müssen.

Alfred Grosser ist Politologe, Soziologe und Publizist und lebt in Paris. Er hatte einen Lehrstuhl am Pariser Institut d’Études Politiques inne. Seit Jahrzehnten setzt er sich für die deutsch-französische Verständigung ein. Sein neustes Buch heißt Le Mensch: Die Ethik der Identitäten“ (Dietz Verlag, Bonn 2017).

Michael Neubauer ist freier Journalist in Paris und Mitglied des Korrespondenten-Netzwerks wel​tre​porter​.net.