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Gehörst du dazu oder nicht? – Das Wir” in der Sprache

Von Poppy Siahaan

Wer ist gemeint, wenn von Wir” gesprochen wird? Sind alle Betroffenen, alle Anwesenden oder ist doch nur eine bestimmte Anzahl von Personen gemeint? Wen schließt dieses Wir” ein, wen aus? In verschiedenen Sprachen kommen unterschiedliche Formen des Wir-Begriffs vor. Während es im Deutschen nur ein Wort für Wir” gibt, unterscheidet man im Indonesischen zwischen exklusivem und inklusivem Wir”.

Der Linguist Michael Cysouw teilt Sprachen in fünf Typen ein, je nachdem wie das Wir” verwendet wird. In Pirahã, das zur Mura-Sprachfamilie im Amazonasgebiet Brasiliens zählt, gibt es gar kein Wir”. Man sagt Du” und Ich”, wenn man Wir” meint. Dann gibt es Sprachen, bei denen es für Wir” und Ich” nur ein Wort gibt: In Qawasqar, das zur Alacalufan-Sprachfamilie in Chile gehört, kann der Satz Wir sind gestern gelaufen” auch Ich bin gestern gelaufen” bedeuten. 

Eine Sprache, bei der lediglich das inklusive Wir” vorkommt, ist zum Beispiel Canela-Krahô, das zur Ge-Kaingang-Sprachfamilie in Brasilien gehört: Das Pronomen wa“ wird für Ich” und gleichzeitig Wir” verwendet, aber nur wenn der Adressat nicht mit eingeschlossen ist. Es wird in dem Fall also exklusiv verwendet. Dann gibt es das Pronomen cu“ für Wir”, allerdings nur, wenn dieses Wir” inklusiv gemeint ist. Der Adressat ist hier also mit eingeschlossen. 

Außerdem gibt es Sprachen, die zwischen exklusivem und inklusivem Wir” differenzieren. Im Indonesischen bedeutet kami“ (exklusiv), dass der Adressat nicht mit einbezogen wird. Gemeint sind hier nur der Sprecher und die Gruppe an Personen, über die gesprochen wird. Wird dagegen kita“ (inklusiv) verwendet, so handelt es sich um einen weitreichenden Wir”-Begriff. Der Adressat ist mit eingeschlossen und wer mit dem Wir” gemeint ist, ist nicht klar umrissen. Diese Art von Wir” wird eher im Sinne von Wir alle” verwendet.
In einigen Sprachen kommt das Wort Wir” vor, es wird aber nicht unterschieden, ob dieses exklusiv oder inklusiv ist. Ob der Adressat ein- oder ausgeschlossen ist, bleibt also offen. Dies ist bei den meisten europäischen Sprachen, wie beispielsweise Deutsch oder Englisch, der Fall.

Wir schaffen das”

In einer kleinen Stadt in Deutschland hing vor einer Weile vor einem renovierungsbedürftigen Haus das Plakat eines Gerüstbauers mit der Botschaft: Ganz gleich, wie schwierig die Aufgabe ist, wir schaffen das!”. Sehr wahrscheinlich war dieser Slogan von Angela Merkels vergleichbarem Satz Wir schaffen das!” inspiriert, als es darum ging die Herausforderungen durch den Flüchtlingsstrom aus dem syrischen Kriegsgebiet zu meistern. Allerdings wird das Wir” auf dem Plakat des Gerüstbauers anders interpretiert. Der Werbespruch meint die Firma beziehungsweise die Mitarbeiter der Firma – jedoch nicht die Leser des Plakats. Die Kanzlerin hingegen schloss mit ihrem Wir” die Bundesregierung, die staatlichen und kommunalen Institutionen sowie das gesamte deutsche Volk in ihrer Aussage mit ein.

Im Deutschen kennt man die Unterscheidung zwischen dem exklusiven und inklusiven Wir” nicht. Dadurch kann es zu Missverständnissen kommen, wie Anatol Stefanowitsch in seinem Sprachblog schreibt. Er berichtet von einem Fall, der sich so zuspitzte, dass eine Klärung vor Gericht notwendig war. Ein Mitglied einer Tippgemeinschaft verklagte seine beiden Tippgenossen, weil sie ihn bei einem Lottogewinn während seines Urlaubs ausschlossen. Zuvor hatten sie ihm telefonisch mitgeteilt, Wir haben gewonnen, Sechser mit Zusatzzahl”. Diesen Fall hätte es bei einer eindeutigen Differenzierung zwischen exklusivem und inklusivem Wir” nicht gegeben. Tatsächlich kommt in 40 Prozent der Sprachen diese Unterscheidung vor. Viele austronesische Sprachen unterscheiden beispielsweise zwischen exklusivem und inklusivem Wir”. Indonesisch ist eine davon.

In der indonesischen Kultur sind alle grundsätzlich einbezogen

In der indonesischen Alltagssprache scheint die Verwendung von kita“ Wir (inklusiv) nicht nur die 1. Person Plural zu sein, wie es nach den grammatischen Regeln sein sollte. Kinder verwenden nicht nur die 1. Person Singular Pronomen Ich”, saya“ (formal) oder aku“ (informal) oder ihren eigenen Namen. Oft benutzen sie auch das 1. Person Plural Pronomen Wir” kita“ (inklusiv), auch wenn sie sich nur auf sich selbst beziehen. In der Umgangssprache ist die Verwendung des inklusiven kita“ gängiger als das exklusive kami“, weil alle anderen mitsamt dem Angesprochenen einbezogen werden.

Im Jahr 2014 erschien in Indonesien ein Spielfilm mit dem Titel Jokowi Adalah Kita” – Jokowi Sind Wir (inklusiv)“. Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Joko Widodo, auch Jokowi genannt, wie er als Gouverneur von Jakarta zum siebten Präsidenten Indonesiens gewählt wurde. Das Wir” in Jokowi Sind Wir” bezieht sich auf die Mehrheit des indonesischen Volks, das überwiegend in einfachen Verhältnissen lebt. Im Gegensatz zu Jokowis Vorgängern, die aus der herrschenden Schicht oder dem hochrangigen Militär kamen, ist Jokowi der erste Präsident Indonesiens, der Teil des gewöhnlichen Volkes ist und im Film als bürgernah dargestellt wird. Die Verwendung von kita“ (inklusiv) steht für die Hoffnung der kleinen Leute, dass Jokowi stets dem Volk treu bleibt, da er zu uns gehört und so ist wie Wir” (inklusiv).

Das Wir” zur bewussten Abgrenzung

Kami“ (exklusiv) wird verwendet, um den Adressaten explizit auszuschließen. Wenn der Sprecher seine Identität bewusst abgrenzen und sich von einer anderen Gruppe distanzieren möchte, wird ebenfalls kami“ als exklusives Wir” verwendet. 

Die indonesischen Nationalisten schworen beispielsweise auf ihrem Jugendkongreß am 28. Oktober 1928 einen Eid, bei dem sie bewusst kami“ (exklusiv) anstatt kita“ (inklusiv) verwendeten. Die Verwendung von kami“ (exklusiv) verkündet hier den bewussten Ausschluss der niederländischen Kolonialherren und die Entschlossenheit zu einer eigenen indonesischen Nation:

Soempah pemoeda (hier nach der alten Rechtschreibung)

  1. Kami poetera dan poeteri Indonesia, mengakoe bertoempah darah jang satoe, tanah Indonesia.
  2. Kami poetera dan poeteri Indonesia, mengakoe berbangsa jang satoe, bangsa Indonesia.
  3. Kami poetera dan poeteri Indonesia, mendjoendjoeng bahasa persatoean, bahasa Indonesia. 


Jugendeid

  1. Wir (exklusiv), die Söhne und Töchter Indonesiens, bekennen uns zu der einen Erde, dem Mutterland Indonesien.
  2. Wir (exklusiv), die Söhne und Töchter Indonesiens, bekennen uns zu der einen Nation, der Nation Indonesien.
  3. Wir (exklusiv), die Söhne und Töchter Indonesiens, halten die eine Einheitssprache aufrecht, die Sprache Indonesisch.

Kita” oder Kami”

1965 kam es in Indonesien zu einem Putschversuch, dessen Hintergründe bis heute nicht geklärt sind. Darauf folgten Massenverhaftungen und Tötungen von vermeintlichen Kommunisten, die hinter dem Putsch gesteckt haben sollen. Die Linguistin Yoshimi Miyake analysierte für eine Studie Interviews mit ehemaligen indonesischen Gefängnisinsassen, die damals aus politischen Gründen verhaftet worden waren. Dabei fiel ihr auf, dass diese grundsätzlich kita“ (inklusiv) verwendeten, wenn sie über ihr Leben im Arbeitslager oder im Gefängnis erzählten, obwohl Miyake als Adressatin nicht mit dabei war. Sprachen sie jedoch über ihre eigene, durch Jahre der Gefangenschaft entfremdete Familie, grenzten sie sich mit der Verwendung von kami“ (exklusiv) eindeutig ab. Auch wenn sie von ihren schlimmen Erfahrungen mit den Behörden erzählten, gebrauchten sie kami“ (exklusiv) statt kita“ (inklusiv).

In der indonesischen Kultur sieht man sich grundsätzlich als Teil einer Gemeinschaft, in der alle mit einbezogen werden, einschließlich des Angesprochenen. Dies spiegelt sich in der häufigen Verwendung des inklusiven Wir kita“ wider. Wenn man sich jedoch bewusst gegenüber einer anderen Gruppe zu der man sich nicht zugehörig fühlt abgrenzen möchte, wird das exklusive kami“ verwendet.

Foto: privat

Poppy Siahaan geboren in Medan, Indonesien, hat im Fach Allgemeine Linguistik an der Universität Bremen über die indonesischen und deutschen Metaphern promoviert. Seit 2009 ist sie Dozentin am Orientalischen Seminar der Universität zu Köln. Sie arbeitet dort im Fachbereich Insulares Südostasien: Indonesien und Malaysia“.