Wir Wir Wir – Das politische Wir”

Elisabeth Wehling im Gespräch mit Stephanie von Hayek

In den letzten Jahren lässt sich in politischen Kampagnen und Slogans beobachten, dass Politiker in Europa und den USA immer wieder und eindrücklich an ein Wir“ appellieren. In den USA hieß es Yes, we can“, in Deutschland Wir schaffen das“, in Großbritannien We want our country back“ und in Frankreich On est chez nous“.

Frau Wehling, wie erklären Sie das Wir” in politischen Kampagnen?

Dahinter stecken ganz unterschiedliche Vorhaben. Barack Obama bezog sich mit Yes we can“ und Change we need“ 2008 auf die amerikanische Bevölkerung, ihm ging es um ein demokratisches Miteinander. Anders Hillary Clinton mit ihrem Slogan Hillary for America“ 2016, sie vermittelte: Ich mache das für euch.“ Bei Donald Trump ging es um America First“, die Kampagne wertete Andere ab. Die Fragen, die hinter dem Wir“ stecken, lauten: Wie wollen wir miteinander umgehen? Welche politische Führung biete ich euch an? Es ist spannend, dass Gruppen unterschiedlicher moralisch-ideologischer Haltungen dieses Wir-Konstrukt benutzen. 

War der Appell an ein Wir-Gefühl immer schon Teil politischer Kampagnen oder ist das eine neue Entwicklung?

Natürlich war der Appell an ein Wir“ immer schon Teil politischer Kampagnen, zum Beispiel bei Willy Brandt 1969: Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land“. Dass es heute wieder in dieser Deutlichkeit auftaucht, hat teils damit zu tun, dass viele Gesellschaften zunehmend progressiv und inklusiv sind, teils damit, dass wir uns nicht mehr zusammengehörig fühlen. Viele fragen: Wer sind wir? Die Antwort der Populisten, weltweit, lautet auf diese Frage: Das Wir“ definiert sich in Abgrenzung zum Nicht-Wir“ – einem abgehobenen Establishment, das das Land regiert und die kleinen Leute vergisst. 

Ein progressives Wir-Gefühl

Was verstehen Sie unter progressiver Politik?

Eine progressive Gemeinschaft hat ein fürsorgliches, weniger hierarchisches, weniger exklusives, mehr inklusives Gemeinschaftsbild. Angela Merkel ist dafür ein Beispiel, als Konservative ist sie in die Mitte gegangen. Die Gegenbewegung geht in die autoritäre Richtung. Der Mainstream in Deutschland hat ein progressives Wir-Gefühl, in dem es nicht darum geht sich abzugrenzen oder sich zu bekämpfen. 

Hat die Entwicklung des Wir“ in Kampagnen auch mit den sozialen Medien zu tun?

Die sozialen Medien sind ein zweischneidiges Schwert. Zum einen spalten sie: Wir im Gegensatz zu Anderen. Das ist das Phänomen der Echo-Kammern. Auch die sprachliche Verrohung im Internet trägt zum abgrenzenden Wir-Gefühl bei: Wir, eine kleine Gruppe mit den richtigen Werten gegen die anderen. So argumentieren Pegida und AfD. Diese Form des Wir“ befeuern soziale Medien. Es gibt aber auch das andere Wir“, das zusammenrückt, mehr von sich preisgibt. Internationale Kooperationen etwa beruhen auf dem Gefühl, dass der Andere mich etwas angeht, auch am anderen Ende der Welt. Soziale Medien vermitteln also auch ein gesteigertes Gefühl des Miteinanders.

Was soll mit dem Gebrauch des Wir“, der ersten Person im Plural, erreicht werden?

Es definiert Gemeinschaft auf der Metaebene. Angela Merkel hätte ja auch sagen können: Deutschland schafft das. Dann sind Sprecher und Hörer distanzierter voneinander, die Nation wird benannt. Bei Wir schaffen das“ vereinen sich Sprecher und Hörer implizit. Jeder, der das hört, kann sich nicht dagegen wehren, sich zunächst zugehörig zu fühlen. Dann kann er sich fragen, ob er Angela Merkel zustimmt und darauf reagieren: Nein, wir kriegen das nicht hin“ oder: Ja, als Gruppe schaffen wir das, ich bin dabei.“ 

Positive Gefühle

Was passiert in unserem Kopf, wenn wir Wir“ sagen?

Mit Wir“ ist man bei der Gruppe. Wir“ ist ein Wort aus dem Alltag, kein Wort, das eine abstrakte Sache bezeichnet, wie Nation“. Mit Wir“ sind Nähe und Intimität verbunden, positive oder negative Gefühle. Sage ich zu meinem Kollegen: Komm, wir gehen Mittagessen“, tun wir etwas gemeinsam, wir fühlen uns verbunden. Sage ich: Wir streiten nur noch miteinander“ ist das Gefühl zwar negativ, aber die Nähe ist immer noch da. Das Wir“ im Politischen aktiviert solche prägenden alltäglichen Erfahrungen. Es aktiviert bewusst oder unbewusst Nähe, der Mensch fühlt sich stärker angesprochen – egal, ob er sich gegen oder für die Ideen anderer am Wir“ Beteiligter positioniert. Er gehört zunächst einmal dazu. 

Marine Le Pen, Vorsitzende des rechtsextremen Front National, sagte On est chez nous“ bedeute ein Schrei des Herzens, ein Schrei der Liebe für das Vaterland; sie würde die Rechte der Eigentümer Frankreichs wiederherstellen. Jayda Fransen, leitende Figur in der ultranationalistischen Bewegung We want our country back“ in Großbritannien, fordert auf ähnliche Weise etwas Verlorengegangenes zurück. Wer ist oder soll das Wir“ sein, das die beiden Politikerinnen anrufen?

Marine Le Pen ist ideologisch strenger und autoritärer. Beiden Politikerinnen ist gemein, dass sie ein gefährdetes Wir“ anrufen. Etwa: Frankreich muss vor dem Untergang gerettet werden, man steht kurz davor, ausgelöscht zu werden. Das aktiviert einen Frame“, einen Bedeutungsrahmen, für ein Frankreich in Not. In Großbritannien geht es stärker um den Frame“, nach dem das Land seine nationale Autonomie verliert. Dort hieß es auch: Take back control“. Das ist ein Wir-Ruf eingebettet in die Idee eines (gefährdeten) Fortbestands der eigenen Gruppe mit klarer kultureller und religiöser Identität, etwa eher weißer Hautfarbe, eher christlicher Symbole mit möglichst absoluter Unabhängigkeit von Anderen.

Welches Wir“ wollen Barack Obama und Angela Merkel ansprechen?

Das ist ein völlig anderer Wir-Ruf. Sie appellierten daran, dass Menschen alle gleichermaßen Schutz bedürfen, dass man in einer humanen Gesellschaft gemeinsam die Verantwortung dafür trägt, dass es einem selbst und seinen Mitmenschen gut geht. Diese Wir-Appelle könnten unterschiedlicher nicht sein.

Welche Rolle weisen diese Slogans dem jeweils Anderen zu?

Bei den einen geht es um ein autoritäres, national-abgrenzendes Wir“. Andere haben das eigene Land schon übernommen“, etwa die EU oder Flüchtlinge, so das Narrativ. Das progressive Wir“ geht über die eigene Gruppe hinaus. Es geht auch um das Wir“ in Europa oder das noch größere Wir“ einer Weltgemeinschaft. In der Generalversammlung der UN hat jedes Land die gleiche Stimme. Das ist ein Wir“, das nicht die anderen sucht, um sich selbst im Gegensatz zu ihnen zu definieren, sondern ein Wir“, das durch Inklusion erlebt wird.

Nehmen Sie das Beispiel Patriotismus. Autoritärer Patriotismus hat mit Abgrenzung zu tun, mit einem gedanklichen, kulturellen Gehorsam gegenüber den Autoritäten im eigenen Land. Aber Patriotismus kann genauso progressiv gedacht werden: Patriot sein bedeutet dann, für die Heimat und Mitmenschen zu sorgen, etwa für Bildung, Schutz von Wasser und Luft, sinnvolle Entlohnung für Arbeitsleistungen. Das Ganze geht nicht auf Kosten anderer Nationen, auch nicht anstatt der Fürsorge für die größere Weltgemeinschaft, sondern als imminenter Auftrag einer für das eigene Land gewählten Regierung. Es ist wichtig, den Patriotismusgedanken nicht ausschließlich autoritär von rechts besetzen zu lassen. Jeder, der seine Steuern beiträgt, jeder, der für sich und seine Mitbürger sorgt, ob durch soziale Infrastruktur oder internationale Kooperation, ist ein Patriot. Als Obama vorgeworfen wurde, er sei kein Patriot, sagte er, für ihn bedeute Patriot-Sein, dass ihn seine Mitmenschen angehen. 

Man fragt sich wirklich, wo dieses internationale Wir-Gefühl hin ist …

Absolut, und da müssen wir aufpassen. In Deutschland ist es noch anders als mancherorts, da haben wir die junge Nazi-Vergangenheit. Zumindest im Vergleich zu anderen Staaten haben wir noch ein taufrisches Bewusstsein darüber, wie wichtig es ist, friedlich miteinander zu leben, international nicht als Agitator aufzutreten und außenpolitisch wohlwollend zu agieren. 

Für Frieden brauchen wir den Anderen

Was lässt sich aus dem vermehrten Gebrauch eines solchen Wir“ für unsere Zeiten schließen?

Dass der Mensch nicht als Individuum und in zersplitterten Gruppen funktioniert. Die Globalisierung der Medien etwa führt uns die Unmenschlichkeit vor Augen, die vielerorts herrscht, und erinnert daran, wie wichtig menschliche Solidarität ist. Eine Marine Le Pen wird genau das auch unterschreiben, aber nur für Menschen, die ihrem Bild eines Franzosen oder einer Französin entsprechen. 

Nach der Wahl von Donald Trump sprachen die Medien verstärkt von der weißen Ost- und Westküstenelite, die mit dem Rest der USA wenig zu tun habe. Auch in Deutschland ist im öffentlichen Diskurs von Blasen“ die Rede. Offenbar gibt es ein Gefühl, nicht mehr miteinander verbunden zu sein. Das Wir“ fehlt. Wie erklären Sie sich das?

Es gibt grob gesagt zwei unterschiedliche Menschentypen. Menschen, die in großen sozialen oder politischen Gruppen, in denen Verbindlichkeit herrscht, Sicherheit und Stabilität sehen. Und es gibt Menschen, die ziehen sich in die kleine Gruppe zurück, suchen nach immer engeren Parametern, um Zugehörigkeit zu definieren und ein Gefühl der Stabilität zu erleben. Das ist ein kuscheliges Zwangsjäckchen. 

Ein begrenztes Wir“, das gegen das andere Wir“ kämpfen soll, um das eigene Wir“ zu schützen, vielleicht auch langfristig Kontrolle über andere Gruppen auszuüben. Psychologisch bedeutet das ein größeres Sicherheitsgefühl. Je weiter oben die Identität der eigenen Gruppe, des Wir“, steht, desto unanfechtbarer das Ich des Individuums. Die Strömungen hat es immer gegeben, diese zwei kriegen Sie nicht zusammen, weil es sich von ihrer psychologischen Grundlage her um ganz unterschiedliche Typen handelt. Sie werden verstärkt unter den Zeichen der Zeit, das wird noch eine Weile so weitergehen.

Viele fühlen sich von den traditionellen Parteien nicht mehr angesprochen und vertreten. Gibt es einen Ratschlag, den Sie Politikern mitgeben können?

Unbedingt. Wenn Politiker ihre Mitbürger abholen wollen, müssen sie konkreter formulieren und ihre Wertehaltungen besser erklären. Es muss wieder mehr authentische und klare Sprache in die Politik. In Deutschland fehlt es etwa auf der linkspolitischen Seite sehr oft an klaren Formulierungen.

Soziale Gerechtigkeit zum Beispiel ist ein Contested Concept“, das heißt eine Idee, die nicht mit viel Bedeutung ausgefüllt ist. Sie kann bedeuten: Gerecht ist, dass ich behalte, was ich mir erarbeite. Wenn ich Anderen Dinge gebe, die sie sich nicht erarbeitet haben, mache ich sie schwach. Oder sie kann bedeuten: Wir alle bauen unser Wohlergehen auf kollektiven Strukturen auf, die über Steuerbeiträge geschaffen sind. Jeder Mensch ist gleich viel wert, egal wie viel Geld er hat. Solche Konzepte müssen ausgefüllt werden. Dazu gehört, aktuelle Sprachmuster zu hinterfragen. Zum Beispiel sprechen wir oft von oben“ und unten“, wenn es um Reichtum und Einfluss geht. Das impliziert eine moralische Abwertung der Menschen, die wir als unten“ bezeichnen. Wir kennen es aus dem Alltag, wo wir sagen, wir schauen zu jemanden auf“ oder auf jemanden herab“.

Von solchen Sprachmustern müssen Politiker Abstand nehmen, die Menschen als gleichwertig sehen, egal, wie viel sie sich erwirtschaftet haben oder wie viel Einfluss sie sozio-politisch nehmen können.


Titelfotos: The Amplify Foundation

Foto: Elisabeth Wehling

Elisabeth Wehling ist Sprach- und Kognitionsforscherin an der University of California, Berkeley. 2016 erschien von ihr der SPIEGEL-Bestseller Politisches Framing“.

Stephanie von Hayek ist Journalistin und Politologin. Sie schreibt unter anderem für KULTURAUSTAUSCH.