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Das liberale Narrativ des Westens hat grundlegende Fehler

Chandran Nair im Gespräch mit Johannes Giesler

Die Idee einer globalen Einigkeit ist ein Hirngespinst. Um globale Probleme zu lösen, braucht es eine respektvolle Diplomatie und die Zurückweisung der Idee, eine bestimmte Moralvorstellung sei einer anderen überlegen. Das Narrativ des Westens kann nicht funktionieren“, sagt Chandran Nair, Gründer der Hongkonger Denkfabrik Global Institute For Tomorrow“.

Herr Nair, Sie sind dafür bekannt, schwierige Fragen zu stellen. Drehen wir den Spieß einmal um und lassen Sie mich fragen: Was steht auf dem Spiel?

Mit Blick auf Nachhaltigkeit und Ressourcenmanagement ist die Frage nicht, ob wir überhaupt überleben werden – das werden wir wohl. Die Frage ist vielmehr, wie wir überleben werden und zu welchem Preis. Denn im Moment schaffen wir auf der ganzen Welt Gesellschaften, die extrem fragil und ungleich sind.

Es ist nicht besonders hilfreich, apokalyptische Szenarien über den Untergang der menschlichen Zivilisation an die Wand zu malen. Aber wir dürfen uns auch nicht durch simple Argumente über die menschliche Erfindungsgabe und unsere Überlebensfähigkeit verführen lassen. Die sind ebenfalls nicht besonders hilfreich, denn sie führen zur Leugnung der wissenschaftlichen Befunde und der empirischen Befunde über die wahren Probleme für Milliarden von Menschen.

Es ist also nötig, nach Lösungen zu suchen, indem man einige unbequeme Wahrheiten zur Kenntnis nimmt, wozu die meisten Eliten nicht bereit sind. Zugleich darf man sich nicht zu der Auffassung drängen lassen, diese Lösungen ergäben sich durch technologische Innovationen statt durch die mühsame Entwicklung neuartiger Mittel und Wege, unsere Gesellschaften zu regieren.


Wie können wir das Steuer herumreißen?

Alle reden über technologische Innovationen, die Schlagzeilen gehören Start-ups, künstlicher Intelligenz und der Sharing-Economy. Was wir stattdessen brauchen, sind soziale Innovationen: neue Ideen zur Organisation, Förderung und Verwaltung unserer Gesellschaften und Gemeinschaften.

Wie zum Beispiel das Konzept einer Weltregierung“? In dem jede Person zuallererst ein Weltbürger“, ein Mensch, ist und eine entsprechende Verantwortung trägt – etwa die, unseren Planeten zu bewahren?

Eine Weltregierung” kann es gar nicht geben. Wir sollten nicht so naiv sein und hoffen, Länder mit unterschiedlichen ideologischen, politischen und historischen Wurzeln würden denselben internationalen Vereinbarungen zustimmen und sich an dieselben Vorgaben halten, etwa beim Klimaschutz. Das Einzelinteresse von Staaten wird immer Vorrang vor den Zielen internationalen Vereinbarungen haben, wie wir beim Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen gesehen haben.

Die eine moralische Norm gibt es nicht

Die Probleme sind global, die Politik ist national?

Und die Lösungen sind lokal.

Aber wenn es um globale Lösungen geht, gibt es dieses grundlegend fehlerhafte liberale Narrativ des Westens, das auf der Annahme beruht, er habe aufgrund ihrer moralischen Überlegenheit das Recht, Konflikte zu lösen. Die Folgen haben wir in Syrien gesehen. Das Narrativ des Westens kann nicht funktionieren, weil sein Denken naiv ist und er von Selbstsucht und einer heimlichen Agenda getrieben wird, um seine weltweite Vorherrschaft zu behaupten.

Brauchen wir gemeinsame moralische Normen?

Die eine moralische Norm gibt es nicht. Wertvorstellungen unterscheiden sich je nach Kultur und Tradition. Wir brauchen eine Diplomatie, die das begreift.

Und die die staatliche Souveränität anerkennt?

Ich appelliere an starke Staaten, ihrer elementaren Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Bürger gerecht zu werden. Staaten haben die Pflicht, allen die Grundrechte des Lebens zu gewähren sowie gleichen und fairen Zugang zu öffentlichen und gemeinsamen Ressourcen zu gewährleisten. Wenn Staaten diese Pflicht verletzen, werden sie untergraben und zerfallen. 

Ein düsterer Ausblick. Aber warum nicht, anstatt starker Staaten, ein stärkeres internationales Wir-Gefühl schmieden?

Es wird immer Spannungen geben, wegen der Wohlstandsverteilung, wegen der Ressourcen, wegen der Ausbeutung von Entwicklungsländern, wegen Diktatoren, wegen Demokratien. Globale Einigkeit ist ein Hirngespinst. Was wir tun können, ist ehrlich miteinander umgehen, und aus einer klaren und wohlüberlegten Haltung heraus unser Handeln ändern, wenn es nötig ist. Aber Einigkeit sollte nicht so verstanden werden wie bisher, wo die westliche Welt ihre Macht dazu nutzt, gegen andere Länder Sanktionen zu verhängen. Wie im Fall des Iran oder Russlands – wer entscheidet denn darüber, ob sie die Feinde sind?

Dies ist eine Tyrannei des Westens. Die vom Westen, natürlich unter Führung der USA, eingesetzten Methoden erzeugen Verbitterung und Unbehagen und verhindern eine globale Verständigung. Wir müssen die Idee zurückweisen, eine bestimmte Moralvorstellung sei einer anderen überlegen. Das ist nämlich dieselbe Rechtfertigung, die schon die Kolonialherren vor Jahrhunderten verwendet haben.

Westliche Staaten sind moderne Kolonialmächte?

Soweit würde ich nicht gehen. Aber ich glaube, dass die Kolonialmächte alles getan haben, um ihre wirtschaftliche und militärische Macht möglichst lange zu erhalten. Deshalb begann der Aufstieg Chinas auch erst vor zwanzig bis dreißig Jahren, nachdem die Kolonialmächte in der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg in den Hintergrund getreten sind.

Verändert sich die Weltordnung mit dem globalen Aufstieg asiatischer Staaten?

Selbstverständlich, und die meisten von uns begrüßen das. Wohlstand wird gerechter verteilt, was sich auch auf die reichen Staaten auswirkt. Sehen wir den Tatsachen doch ins Auge: Die westliche Welt macht nur zwanzig Prozent der Weltbevölkerung aus. Warum sollten sie die Regeln bestimmen dürfen?

Demokratie und Nachhaltigkeit vertragen sich nicht so leicht

Eine Ihrer zentralen Aussagen lautet, dass wir als Weltbürger eine Situation verbessern müssen, wenn sie verbesserungsbedürftig ist. Wie setzt man es durch, dass Menschen ihre Privilegien aufgeben?

Ausschließlich durch staatliche Macht. Wie verhindert man Blutvergießen im Straßenverkehr? Durch Geschwindigkeitsbegrenzungen und Sicherheitsgurte. Wie verhindert man in Europa Massenmorde? Man erlaubt den Leuten nicht, Waffen zu besitzen, denn das gilt als gesellschaftlich inakzeptabel. Und wenn man den Klimawandel für die existenzielle Krise des 21. Jahrhunderts hält, dann braucht es strenge Regeln, um ihn abzuschwächen.

Sind Demokratie und die Idee eines freien Marktes etwas Nachhaltiges?

Demokratie und Nachhaltigkeit vertragen sich nicht so leicht. Wir brauchen eine neue Definition von Demokratie – eine, die von der liberalen, westlichen Version von Demokratie abweicht. Alle Politiker, die versuchen, irgendwelche wirksamen Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit umzusetzen, werden nach einer zwei- oder dreijährigen Legislaturperiode sofort wieder abgewählt. Einen Aufschrei wird es vor allem von einflussreichen Leuten geben, die ein höheres Konsumptionsniveau und einen höheren Lebensstandard haben.

Können wir nicht auf soziale Verantwortung bauen?

Wie kommt soziale Verantwortung denn zustande? Dadurch, dass Menschen aufgeklärte Ansichten haben? Sollte soziale Verantwortung eine angeborene menschliche Fähigkeit sein, dann wird sie individuell, im Privaten gepflegt. Die Triebfedern von Unternehmen und Organisationen dagegen sind Profit und Wachstum. Soziale Verantwortung ist kaum mehr als eine Randerscheinung.

Kapitalismus ist immer die größere Motivation?

Im Kapitalismus und bei der Globalisierung geht es darum, Dinge so billig wie möglich herzustellen. Deshalb sind westliche Unternehmen nach China gegangen, haben das iPad billig hergestellt, die Leute reingelegt, und es woanders für viel mehr Geld verkauft. Das war gut, solange der Westen profitierte. Jetzt hat er Angst, und seine Regierungen sind schwach. Seit vielen Jahren entstehen die Jobs in Asien und nicht mehr im Westen. Das ist es, was zur Wahl von Trump geführt hat und für diese Welle des Nationalismus und Populismus in Frankreich, den Niederlanden, in Großbritannien und im übrigen Europa verantwortlich ist. 

Die Globalisierung hat eine neue Weltordnung geschaffen

Erläutern Sie das bitte.

Die Wähler meinten, ihre Regierungen seien zu schwach, um sie zu beschützen. Donald Trump versprach America First“. Er sagte: Ich werde knallhart sein und alle Fremden verprügeln.“ Er sagte: Unser Land ist schwach und die übrige Welt respektiert uns nicht. Das müssen wir ändern.“ Die Globalisierung hat eine neue Weltordnung geschaffen, was seine Wähler verstanden haben, und was ihnen missfällt.

Sie haben mal gesagt: Seid zornig”, aber nicht in negativem Sinn. Welche Art von Zorn meinen sie?

Redet deutlich, sprecht die Dinge an, schweigt nicht. Die meisten Leute in Unternehmen schweigen oder verschließen sich der Wirklichkeit, obwohl sie die Tatsachen kennen. Auch Ignoranz ist eine Form des Schweigens. Ich habe zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass in Deutschland und Europa alle völlig falsche Vorstellungen von China haben. Sie halten es für einen furchtbaren Ort, weil sein politisches System ein anderes ist, und ignorieren oder bagatellisieren die Erfolge, die dieses Land gemacht hat. Europäer geben sich allzu gern mit ihrem Verständnis der Welt zufrieden. Das ist hochgefährlich. Deshalb sage ich, seid zornig und stellt alles infrage. Folgt nicht blindlings westlichen Vorstellungen.

Foto: privat

Chandran Nair ist Gründer und CEO des Global Institute For Tomorrow (GIFT), einer unabhängigen, panasiatischen Denkfabrik. Er ist Fellow des Club of Rome und der Royal Society of Arts. Am 13. September wird er als Hauptredner die Konferenz Cultures of We” eröffnen und auch an der öffentlichen Diskussionsrunde 7 Billion Voices in a Multipolar World” als Referent teilnehmen.

Johannes Giesler ist freier Wissenschaftsreporter in Leipzig.