Foto: Natalie Robertson

Aus der Ferne sah ich die Muschelsammler”

Natalie Robertson im Gespräch mit Anne Haeming

Die neuseeländische Fotografin Natalie Robertson dokumentiert in ihren Langzeitserien die Riten der Maori – und hilft so, das Wissen um Tradition zu verankern.

Der Titel Ihrer Serie The Headlands Await Your Coming” klingt wie ein Sprichwort. Woher kommt es?

Es ist eine Zeile aus Hone Tuwhare Gedicht Song”, eine wunderschöne Klagelyrik, die zudem mit Landschaftsmetaphern spielt. Ich suchte es aber aus, da diese Serie auch die Bestattungsfeier des Maori-Malers Ralph Hotere zeigt – und Tuwhare ein guter Freund von ihm war. Es war bei dieser Zeremonie, als ich mein gesamtes Schaffen auf einmal neu sah. 

Was war passiert?
Für seine Bestattung wurde Hotere zurück in die Community nach Mitimiti geführt, in der er geboren war, sein ursprüngliches Stammesgebiet. Auch ich habe eine Verbindung zu dem Ort: Mein Ururgroßvater war der erste Rektor der Schule, sein Foto hängt dort noch immer. Als wir ankamen, wurde mein damaliger Partner eingeladen, mitzuhelfen, die Muscheln von den Felsen zu sammeln.


Alle Fotografien © Natalie Robertson

Das Land, wo Du isst.”

Für das Festmahl?

Genau. Es heißt Hākari” und wird tagelang vorbereitet, um alle Trauergäste zu versorgen. Ich begleitete die Muschelsammler, blieb aber beim Landrover mit meiner ganzen Ausrüstung. Daher konnte ich die Gruppe aus der Entfernung beobachten. Mir fiel auf, wie sie fließend einander zuarbeiteten und sich doch nur nonverbal verständigten, das Meer übertönt schließlich alles. Und dennoch: Alle wussten, was wie zu machen war und der Einzelne zu tun hatte. Sie verkörperten für mich das Wissen um die Traditionen.

Eine Art intuitive Choreographie?
Ja, es war wundervoll ihnen zuzuschauen, wie sie untertauchten, um die Muscheln zu bergen, zu jemand anderem schwammen, sie in dessen Netz oder ihr eigenes packten. Mich rührte die Erkenntnis, dass alle dieses Wissen in ihren Seelen tragen. Dass viele Generationen vor ihnen sich schon ebenso im Wasser bewegt hatten. 

Wie hängen das Muschelsammeln und die Beerdigung zusammen?

Über die Definition der Gemeinschaft: Kai” bedeutet Essen, papa” ist das Land. Und papa kainga” ist das Dorf, also letztlich Das Land, wo Du isst”. Und als ich so dastand und fotografierte, sah ich auf einmal, wie vielschichtig diese Aufnahme war. 

Inwiefern?

Mir wurde bewusst, dass es in dieser Gruppe nicht um das Individuum geht, sondern die Einzelnen in ihrer Funktion austauschbar waren. Die Tätigkeit wird von Generation zu Generation weitergereicht. Davor hatte ich noch keine fertige Idee, mich interessierte aber, wie Menschen ihre Verbindung zur Landschaft halten, indem sie Nahrung sammeln. Ab da konzentrierte ich mich in meiner Arbeit auf diese Gruppenmomente, auf die Rollen, die die Einzelnen erfüllen, ähnlich wie Schauspieler in einer Szene. Vorher wollte ich zeigen, was im Hintergrund der Feiern passiert. Doch bei Ralphs Beerdigung verstand ich, dass das Essenbeschaffen ebenso wichtig war wie der Marae” selbst, das traditionelle Versammlungshaus einer Maori-Gruppe. Die Marae” waren im Übrigen Thema einer Langzeitserie, die ich mit anderen realisierte.

Von Generation zu Generation

Sie haben jene Gruppe von Maori-Fotografen mitgegründet. Wie kam es dazu?

Wir hatten uns 2007 zusammengefunden, als ein Marae” niederbrannte und damit wahnsinnig viel Geschichte und Wissen dieses Maori-Stamms verloren gegangen war. Es gibt nur noch wenige, die das Kunsthandwerk für diese feinen Schnitzereien beherrschen. Und so starteten wie unsere Marae Photography”, um so viele Marae” wie möglich zu dokumentieren. Als ein Symbol für die Gastfreundschaft einer Community. Da wir über das ganze Land verstreut leben, ist es mittlerweile eher ein informelles Netzwerk, aber immer noch sehr lebendig. 

Wieso war Ihnen diese Zusammenarbeit so wichtig?

Es gibt sehr wenige hauptberufliche Maori-Fotografen. Unser Ansatz ist, unser Wissen miteinander zu teilen, gerade weil die Praktiken von Stamm zu Stamm so verschieden sind. Und somit auch die Art und Weise, wie Menschen darauf reagieren, wenn sie in bestimmten Situationen fotografiert werden. Wir müssen wissen, wann wir fotografieren dürfen. Ich begann, das alles aufzuschreiben. Diese Essaysammlung soll dazu dienen, dass junge Fotografen leichter Zugang zu diesem Wissen haben. 

Wie hat Ihre eigene Arbeit sich dadurch verändert? Normalerweise sind Fotografen doch eher Einsamer-Wolf”-Figuren.

Unser Ansatz ist anders. Wir sind nicht egoistisch, wir nehmen uns gegenseitig mit, öffnen einander Türen. Einer von ihnen, John Miller, der seit 1967 fotografiert, nahm mich etwa mit zu Hoteres Bestattung oder einem 60. Geburtstag. 

Ich las, Sie erforschen, wie sich Fotografie und indigene Kulturen befruchten. Wie tun sie das denn?

Ich unterrichte Fotografie seit über 20 Jahren. Und stellte fest, wie wenige Aufsätze es gibt, die sich damit auseinandersetzen, wie Fotografie in Maori-Kulturen wirkt, wie indigenes Wissen etwa über Fotografie vermittelt werden kann und darf. Mich fasziniert, wie das gelingt. Etwa weil ich, anders als bei Filmaufnahmen, neue Verbindungen herstellen kann. Ich kann die Ähnlichkeiten verschiedener Gruppen zeigen, indem ich bestimmte Bilder nebeneinander hänge. So können wir Fotografie als Medium einsetzen, um Geschichten zu erzählen – und andere Formen der Überlieferung ergänzen. 

Besteht die Sorge, dass diese Praktiken verloren gehen?

Nein, sie sind sehr lebendig. Viel existentieller ist die Frage, ob wir unsere Nahrung weiterhin so beschaffen können wie seit jeher, wenn die Umwelt weiter so bedroht ist.

Gab es Vorbehalte, dass Sie als Fotografin vor Ort sind?

Nein, ich war immer eingeladen und habe die Verantwortlichen vorher gefragt, was ich ablichten darf. Ich habe eine Pentax 67 benutzt. Sie ist schwer, ich brauche ein Stativ dafür. Sie ist wirklich nicht zu übersehen. Allein das Geräusch des Auslösers kann einen spirituellen Moment einer Zeremonie stören – wie auch in einer Kirche. Vor zehn Jahren hatte noch nicht jeder ein Smartphone, Bilder von spirituellen Momenten konnten leichter kontrolliert werden. Die Community muss einem vertrauen können. Bei der Beerdigung von Ralph Hotere hat meine Beziehung zum Ort das erleichtert: Ich konnte immer sagen, ich bin eine Nachfahrin von dem Mann auf dem Foto in der Schule, das half.

Inwiefern haben die Fotografen in den Communitys eine besondere Rolle?

Bei mir ist es so, dass der Großteil meines Schaffens, etwa die East Coast”-Serie, mein Stammesland zeigt – die meisten meiner Arbeiten kreisen rund um dieses Territorium, den Fluss, das Land, das Meer dort. Doch weil ich Teil dieser Gemeinschaft bin, werde ich von anderen explizit eingeladen, um bei ihnen zu fotografieren, und gehe nicht einfach hin. Man darf nicht vergessen: In Neuseeland leben nur etwa vier Millionen Menschen. Und es gibt nur eine Handvoll Maori-Fotografen wie mich, auch wenn junge nachkommen. Wenn einer von uns sich in einer Zeremonie, bei einem Fest daneben benimmt, keinen Respekt zeigt, spricht sich das im engen Netz der Maori schnell rum. Wir als Fotografen haben daher auch eine soziale und moralische Verantwortung.

Foto: Raymond Sagapolutele

Natalie Robertson, geboren 1962 in Auckland, ist Fotografin. Sie hat sich als Künstlerin, Dozentin und Wissenschaftlerin auf das Verhältnis zwischen Fotografie und indigenen Kulturen spezialisiert. Das Buch A Whakapapa of Tradition: 100 Years of Ngāti Porou Carving, 1830 – 1930” von Ngarino Ellis, für das Robertson die Marae-Versammlungshäuser fotografierte, wurde 2017 mit dem neuseeländischen Buchpreis, dem Ockham Book Award” ausgezeichnet.

Anne Haeming ist freie Kultur- und Medienjournalistin in Berlin.